Welt-MS-Tag: Gleiche Chancen trotz MS

Welt-MS-Tag: Gleiche Chancen trotz MS


28.05.2014 – Gleiche Chancen für jeden, das ist ein Traum vieler Menschen. Und auf jeden Fall einer, für den es sich zu kämpfen lohnt. Viel bleibt noch zu tun:

„Eigentlich habe ich gar keine Einschränkungen“, sagt Heike D., Einzelhandelskauffrau aus München. „Aber seitdem die Kollegen wissen, dass ich MS habe, geben sie mir ständig das Gefühl, ich wäre von allem überfordert und dem Zusammenbruch nahe. Dabei arbeite ich genauso gut wie vor der Diagnose.“

Und Markus R. aus Dresden, Maschinenbaustudent, ist von seinen Professoren enttäuscht. „Wenn ich längere Zeit stehen muss, etwa bei einer Demonstration am Gerät, fangen meine Beine an zu zittern. Einer der Professoren macht jedes Mal einen blöden Scherz, ob denn mein Alkoholpegel sinken würde. Und ein anderer hat mich einmal gefragt, ob ich zu viel getrunken hätte. Ich habe versucht, mit ihnen darüber zu reden, aber sie haben so getan, als wäre alles ganz lustig und ich solle mich nicht so anstellen.“

Dies sind nur zwei Beispiele für mangelndes Verständnis, dem MS-Betroffene oft genug begegnen. Natürlich kommt auch das Gegenteil vor.

Susanne V. aus Magdeburg ist positiv überrascht von der Reaktion in ihrem Büro: „Ich habe lange gehadert, ob ich was sagen soll. Schließlich haben die meisten Menschen sehr seltsame Vorstellungen von der MS. Ich hatte keine Lust, nach der Mitteilung wie ein rohes Ei behandelt zu werden oder taktlose Bemerkungen anzuhören. Aber nachdem ich in einem Jahr wegen eines schweren Schubes länger fehlen musste, dachte ich, jetzt oder nie. Das war die Flucht nach vorn. Ja, was soll ich sagen, es ist super gelaufen. Keiner hat was blödes gesagt, einige haben Fragen gestellt, das fand ich gut. Und wo ich mal Rücksichtnahme oder Hilfe brauche, wird sie gerne gegeben.“ Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Diese Frage stellen sich viele MS-Betroffene schon privat , mehr noch aber im Beruf. Eine einheitliche Empfehlung hierzu gibt es nicht, jedoch besteht keine Verpflichtung dazu, dem Arbeitgeber von der Diagnose Mitteilung zu machen.

Ein anderer Fall ist die Eignung für einen bestimmte Tätigkeit. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Tätigkeiten nicht mehr sicher ausführen zu können – wenn also Gefahrensituationen für Sie oder andere entstehen könnten – sind Sie verpflichtet, den Vorgesetzten oder den Betriebsarzt darüber zu informieren. Gegenüber dem Betriebsarzt sollte die Erkrankung benannt werden. Er entscheidet jedoch nur über die Eignung für eine Tätigkeit. Einfaches Beispiel: Liegt Schwindel vor, ist der Betreffende für eine Arbeit als Gerüstbauer oder Busfahrer nicht geeignet. Der Betriebsarzt unterliegt aber der Schweigepflicht genauso wie jeder andere Arzt. Sollte er gegen seine Schweigepflicht verstoßen, so kann Schadenersatz fällig werden, wenn Ihnen daraus Nachteile entstehen.
Der Betriebsarzt ist auch verpflichtet, dem Arbeitgeber Empfehlungen für die Ausstattung des Arbeitsplatzes zu geben, wenn für besondere Bedürfnisse Anpassungen notwendig sind. Die Kosten für Anpassungen (besonderer Monitor, Bildschirmbrille, Ventilator, Hochstuhl, Rollstuhlauffahrt/-aufzug uvm.) werden anteilig vom Staat ersetzt. Das Vorliegen eines Schwerbehindertenausweises (SHB) muss jedoch angegeben werden, da daraus dem Arbeitgeber Pflichten, aber auch Rechte entstehen. Nur wenn er Bescheid weiß, können die zusätzlichen fünf Arbeitstage sowie der bedingte Kündigungsschutz in Anspruch genommen werden. Ist mit dem Einstellen eines Schwerbehinderten ein neuer Arbeitsplatz geschaffen worden, kann der Unternehmer vom Staat finanzielle Vergünstigungen erhalten.

Bei 70% Schwerbehinderung oder dem Merkzeichen „G“ im SHB kann übrigens für die Fahrt zur und von der Arbeit Kilometergeld geltend gemacht werden; das beinhaltet Betriebskosten, Absetzungen für Abnutzung und Aufwendungen für laufende Reparaturen und Pflege auch Garagenmiete, Steuern und Versicherungen sowie Parkgebühren und Beiträge zu einem Automobilclub. Es müssen keine Einzelnachweise erbracht werden. Können Betroffene nicht selbst ein Kraftfahrzeug führen, sondern werden zur Arbeit gebracht, können auch diese Fahrten veranschlagt werden.

Trotz zahlreicher Verbesserungen in der Arbeitswelt, die in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt wurden, bleibt für viele Erkrankte das Hauptproblem die mangelnde Aufklärung bei Vorgesetzten und Kollegen. „Die Vorurteile gegen MS-Kranke sitzen tief“, kritisiert Heike D. „Da kann ich zehnmal sagen, dass man mit MS auch ganz normal leben kann. Eine Kollegin fragte kürzlich, ob wir denn bald in eine rollstuhlgerechte Wohnung umziehen. Ich wusste zuerst nicht, was ich sagen sollte. Dann bin ich richtig wütend geworden. Ich überlege auch, zum Betriebsrat zu gehen, wenn nicht bald mit den Sticheleien Schluss ist.“

Ist der Betriebsfrieden gefährdet, fühlen Sie sich diskriminiert oder kommt es sogar zum Mobbing, sollte auf jeden Fall ein klärendes Gespräch anberaumt werden und zwar lieber früher als später. Nehmen Sie Ihren Vorgesetzten in seine (Fürsorge-)Pflicht. Dabei hilft es, wenn Sie sich vor einem solchen Gespräch Notizen dazu machen, wie Sie die Sachlage sehen, damit Sie im entscheidenden Moment nichts vergessen. Schreiben Sie Beispiele auf, mit denen Sie die Situation beschreiben können. Machen Sie sich am besten vorher klar, was Sie von einer Aussprache erwarten und was Sie erreichen wollen, damit Sie ein Ziel vor Augen haben.

Ist der Vorgesetzte Ihrem Anliegen nicht zugänglich, wenden Sie sich an den Betriebsrat. Gibt es keinen, können Sie auch den Chef Ihres Chefs ansprechen. Scheuen Sie sich nicht davor, denn auch dies gehört zu seinen Pflichten. Immer noch spielen manche Unternehmer mit der unterschwelligen Drohung, die Angestellten oder Arbeiter könnten jederzeit entlassen oder zumindest leicht ersetzt werden. Eingearbeitete Arbeitskräfte sind jedoch in jedem Betrieb das wichtigste Gut. Kein erfolgreicher Unternehmer wird leichtfertig Kündigungen aussprechen. Um Arbeitnehmer einzuschüchtern, wird jedoch gerne dieser Anschein erweckt oder zumindest nicht widerlegt. Sie sollen so dazu gebracht werden, mehr hinzunehmen, als Sie von Rechts wegen müssen. Lassen Sie sich nicht entmutigen! Das MS Service-Center stellt für das Gespräch mit Angehörigen, Freunden, aber auch mit Kollegen und Vorgesetzten eine hilfreiche Broschüre zur Verfügung.

„Darüber sprechen“ gibt Ihnen Tipps und Formulierungshilfen an die Hand und enthält gleichzeitig aufklärende Informationen für den Gesprächspartner. Sie können die Broschüre bestellen unter Bestellformular oder per Mail an info@ms-service-center. Außerdem finden Sie hier (Broschürendownload) Broschüren zum Download, unter anderem Hilfestellung für das Gespräch über die MS mit Ihrem Kind. Weitere Informationen finden Sie hier (Recht und Soziales). Haben Sie Fragen zum Thema? Unter der gebührenfreien Rufnummer 0800 030 77 30 sind wir Montags bis Freitags zwischen 8 und 20 Uhr für Sie da. (jw)

Quellen:
http://www.dmsg.de
http://www.bmas.de
http://www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsrecht/erklaerung-arbeitsrecht.html
http://www.ofd.niedersachsen.de
http://www.berlin.de/lageso/arbeit/index.html