Multiple Sklerose: Emotionale Reaktion

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Die Gewissheit an einer chronischen Krankheit zu leiden, löst häufig Gefühle wie Angst, Wut, Zorn, Trauer und Niedergeschlagenheit aus. Solche Gefühlsschwankungen sind völlig normal. Die meisten Menschen mit MS durchleben diese Wechselbäder der Gefühle - oft mehrmals - bis sie schließlich einen Weg für sich gefunden haben, die Krankheit zu akzeptieren.

Annäherung in Etappen

Wenn sich die gesundheitliche Situation gravierend verändert, müssen sich die Betroffenen neu orientieren und nach Möglichkeiten suchen, mit ihren Gefühlen und den aktuellen Gegebenheiten umzugehen. Im Fachjargon spricht man hierbei von „Coping“, „Krankheitsverarbeitung“ oder auch „Bewältigungsstrategien“. Es gibt verschiedene Theorien hierzu, denen jedoch eines gemeinsam ist: Der Ablauf der Krankheitsverarbeitung wird in mehreren Etappen beschrieben. Dabei kann man im Wesentlichen von sechs Etappen der Krankheitsverarbeitung sprechen, die allerdings nicht von jedem MS-Patienten gleich stark durchlebt werden. Manche Patienten „überspringen“ Phasen, bei anderen gehen sie so fließend ineinander über, dass man sie kaum trennen kann. Auch wenn die Erkrankung akzeptiert wurde, können neue Ereignisse eine erneute psychische Auseinandersetzung erforderlich machen und einige Phasen müssen neu durchlebt werden. Auf jeden Fall ist es hilfreich, alle Etappen zu kennen: Je mehr man als MS-Patient darüber weiß, desto besser kann man verstehen, was in einem vorgeht – und das auch der Familie, den Freunden und Kollegen vermitteln.

  • 1. Der erste SchockOpen or Close

    Bei den meisten Menschen löst die Diagnose MS als erste Reaktion einen schockartigen Zustand aus. Viele fühlen sich wie vor den Kopf gestoßen und können keinen klaren Gedanken fassen. Diese seelische Blockade stellt eine Art Schutz vor allzu großen psychischen Schmerzen dar. Um wieder aufnahmefähig zu sein, muss dieser erste Schock überwunden werden. Dazu brauchen die Patienten Zeit für sich, aber auch Unterstützung durch andere. Erst nach einer Erholung von diesem Schock macht es Sinn, sich umfassend über die Erkrankung und geeignete Therapien zu informieren sowie einen Weg zur Bewältigung zu finden.

  • 2. VerleugnungOpen or Close

    Manche Patienten versuchen, die Diagnose MS zu verdrängen, andere flüchten sich in Ablenkungsstrategien. Das „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ ist ein normaler seelischer Schutzmechanismus und nur dann schädlich, wenn dieser Zustand auf Dauer nicht überwunden wird. Dann besteht die Gefahr, dass notwendige Therapien versäumt werden und sich der Krankheitsverlauf unnötig verschlechtert.

  • 3. Zorn und WutOpen or Close

    Viele MS-Patienten empfinden es als ungerecht, dass gerade sie an MS erkrankt sind. Sie hadern mit ihrem Schicksal und sind frustriert. Wutausbrüche erfolgen unkontrolliert. Menschen, die nicht an MS erkrankt sind, werden „maßlos“ beneidet. Auch das sind normale Reaktionen, die man zulassen sollte. Wenn solche Gefühle dauerhaft unterdrückt werden, besteht die Gefahr, dass sie sich aufstauen und immer belastender werden. Also zulassen und mit vertrauten Personen offen darüber sprechen. Manchmal ist es auch erleichternd, sich mit anderen auszutauschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden oder diese bereits überwunden haben.

  • 4. VerhandelnOpen or Close

    In dieser Phase versuchen viele MS Patienten, mit dem Schicksal zu verhandeln - nach dem Motto: „Wenn ich dies oder jenes tue, wird die MS vielleicht weniger schlimm verlaufen“. Manche entwickeln auch Schuldgefühle, die völlig unbegründet sind. MS ist schließlich keine „Strafe“ – und leider ebenso wenig verhandelbar.

  • 5. DepressionOpen or Close

    Es ist sehr gut nachvollziehbar, dass die Auseinandersetzung mit der Diagnose und das intensive Durchleben widersprüchlicher Gefühle viele Betroffene bis an die äußerste Grenze ihrer psychischen Belastbarkeit führen. Das psychische Immunsystem wird mit Reizen überflutet, die Folge sind oft Erschöpfungszustände, die in Hoffnungslosigkeit und Resignation münden. Häufig treten dann Schlaflosigkeit, Gereiztheit oder Antriebslosigkeit auf. Anzeichen, die auch zu den Merkmalen einer Depression gehören. Charakteristisch dafür ist auch, sich am liebsten zurückziehen und in sein „Schneckenhaus verkriechen“ zu wollen. Aber gerade in depressiven Phasen ist es wichtig, sich jemandem anzuvertrauen und sich nicht seiner Gefühle zu schämen. Denn diese sind mehr als verständlich und manchmal auch so belastend, dass es hilfreich sein kann, sich professionellen psychologischen Beistand zu suchen.

  • 6. AkzeptanzOpen or Close

    „Ich habe MS und werde damit leben“: Wenn ein MS-Patient zu dieser Einstellung gefunden hat, steht er auf einem stabilen Fundament für ein selbstbestimmtes Leben. Dann ist der Kopf frei dafür, neue Pläne zu schmieden und aktiv Probleme zu lösen. Dieser neue, sichere Platz im Leben lässt sich aber nicht von heute auf morgen erreichen. MS-Patienten sollten sich nicht unter Druck setzen. So paradox es klingen mag: Je geduldiger die Betroffenen mit sich sind, desto schneller werden sie dieses Ziel erreichen.

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