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Abenteuer mit MS? Reisejournalist Knud Kohr im Interview

31.07.2018

Knud Kohr hat Multiple Sklerose. Die Diagnose erhielt der Wahlberliner, als er 37 Jahre alt war. Für den damals sehr erfolgreichen, aktiven und unabhängigen Reisejournalisten, Drehbuchautor und Schriftsteller ein Schock, der seine bisherige Welt aus den Angeln hob. Seitdem sind über 15 Jahre vergangen – der nun 52-Jährige berichtet hier von spannenden Begegnungen in Neuseeland und extremen Erlebnissen auf anderen Kontinenten. Begleiten Sie ihn auf seiner mutigen Reise.

Was löste die Diagnose in Ihnen aus?

Ich konnte es zunächst nicht akzeptieren und versuchte es zu ignorieren. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Warum ich und warum jetzt? Zunächst tat ich einiges, um meinen Körper zu stärken. Dazu gehörte, dass ich mehrfach pro Woche Krafttraining machte und so 5 Kilo Muskeln aufbaute. Nachdem ich dabei aber immer mal wieder umgefallen war, musste ich es dann doch akzeptieren.

Wie äußerte sich die Erkrankung vor der Diagnose? Was machte Sie stutzig?

Ich muss dazu sagen, dass ich mit 1,90 Meter sehr groß bin. Zudem musste ich regelmäßig, einmal im Jahr zur Orthopädin, da ich schon vorher Probleme mit Schräglaufen hatte. So gut wie jeder Mensch hat ein etwas längeres Bein. Daher ließ ich das regelmäßig kontrollieren. Als ich 2003 in Lissabon war, merkte ich aber zum ersten Mal, dass ich doch sehr schräg lief, mein rechter Fuß war schräger als mein linker. Zudem machte ich auffällig viele falsche Schritte und hatte dauerhaft Probleme, Treppen zu steigen. Lissabon ist eine hügelige Stadt, daher war es besonders auffällig, dass etwas nicht stimmte. Als ich wieder in Berlin war, ging ich zu meiner Orthopädin, die mich dann zum Neurologen überwies. Im Sommer 2003 wurde ich intensiv und viel untersucht und die Diagnose stand im selben Jahr fest.

Was haben Sie gemacht, um den Verlauf zu bremsen?

Vom Ignorieren wechselte ich in eine motivierte Haltung: „Ich will etwas tun! Ich lass mich nicht unterkriegen.“ Ich machte Sport, um meinen Körper zu stärken, beispielsweise intensives Rücken- und Krafttraining. Außerdem meditiere ich seit vielen Jahren mehrfach täglich. Mein näheres Umfeld, gute Freunde stärkten mich nach dem Motto „Wenn jemand das schafft, dann du.“ Ich musste schon früh mit einem Stock gehen. Medikamente nahm ich, nachdem ich akzeptieren musste, dass gesunde Ernährung allein nicht mehr ausreichte. Aktuell habe ich zwei Elektroscooter und einen Handrollstuhl, die mir als Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Meine Wohnung ist barrierefrei und das Haus verfügt über einen Fahrstuhl. Viermal wöchentlich fahre ich mit meinem Scooter zur Physio- und Ergotherapie. Die MS ist für mich ein immerwährender Kampf.

Nach der Diagnose waren Sie weiter als Reisejournalist unterwegs. Welche Begegnung hat Sie auf Ihren Reisen hinsichtlich Ihrer MS besonders geprägt?
 
Die Krankheit schränkt mich im Alltag ein, sie drückt auf mein Leben. Doch das hat mich auch angestachelt, weiterzumachen. Ich wollte die Welt weiterhin sehen, solange es noch geht. 2005 war ich das erste Mal in Neuseeland unterwegs, ich begegnete tollen Menschen und vielen Familienverbänden. Und einem Heiler der Maori. Als er merkte, dass ich krank bin und meine Schritte schwer und unsicher machte und dass trotz Stock, sagte er Folgendes zu mir: „Dann musst du ein besonders starker und mutiger Mensch sein. So eine Krankheit schicken die Götter nur denjenigen, die sie tragen können.“ Die Krankheit würde mich ehren. Das berührte mich natürlich sehr. Der Satz haftet bis heute in meinem Gedächtnis. Später, als meine Gehstrecken immer kürzer wurden und aus einem dann zwei Stöcke wurden, dachte ich an diese Worte.
Nach einem Schub im Sommer 2013 musste ich mich schweren Herzens dazu entschließen, auf einen Elektroscooter umzusteigen. Doch das hielt mich nicht auf, weiterhin zu reisen. Vor etwa 4,5 Jahren habe ich meine letzte große Reise unternommen. Ich war in Singapur, Australien und wieder in Neuseeland unterwegs für 37 Tage. Ich durchquerte dabei auch das australische Outback.

Das sind sehr eindrucksvolle Bilder, die Sie schildern. Welche Erfahrungen konnten Sie zum Beispiel in Asien sammeln?

Sehr schöne Erinnerungen habe ich auch, wenn ich an Südchina und Vietnam und den Mekong zurückdenke. Auch hier wurde ich herzlich aufgenommen – als Mensch mit Handicap sozusagen. Etwas traurig fand ich, dass ich aufgrund meiner Erkrankung nicht zu einem bestimmten Tempel hochlaufen konnte. Das war auch am Mekong. Dort soll angeblich Buddha selbst gewesen sein. Es waren zu viele Stufen, zu beschwerlich für mich. Ich schickte dann meinen Fotografen hoch und er zeigte mir abends die Bilder. Generell kann ich sagen, dass ich als MS-Erkrankter gerade in den ärmeren Ländern und bei Naturvölkern wahnsinnige Akzeptanz und Hilfsbereitschaft erfahren habe. Das ist toll!

Welche extremen Augenblicke Ihrer Reise haben Sie noch in Erinnerung?

Insgesamt war ich bisher in knapp über 50 Ländern und auf 5 Kontinenten unterwegs – bei heftigster Hitze sowie bei extremer Kälte. Ich suchte aber auch nach den Extremen und Herausforderungen, als Reisejournalist sowieso. Und durch die Krankheit erst recht.
Ich war im Juli bei 52 Grad Celsius im Death Valley unterwegs, in Island lief ich über Lavafelder und in Minnesota sowie Kanada fuhr ich mit einem Schneescooter bei minus 37 Grad durch die Gegend. In Südafrika war ich unterwegs und fragte Einheimische, wo denn die Kranken seien. In diesem Land ist etwa jeder Dritte HIV-positiv oder hat bereits Aids. Da hieß es, dass die Kranken zu Hause seien, um dort zu sterben. In afrikanischen Ländern wie Südafrika ist die ärztliche Versorgung sehr schlecht. Das hat mich natürlich sehr geprägt. Ich habe viele interessante neue Sichtweisen kennengelernt.

Wie motivieren Sie sich selbst und was raten Sie anderen Betroffenen?

Ich bin ein spiritueller Mensch und kann auf ein sehr bewegtes Leben mit besonderen Begegnungen und Erlebnissen zurückblicken. Ich habe viele Höhen und Tiefen erlebt. Aber ich akzeptiere mein Schicksal, meinen Zustand und versuche, positiv in die Zukunft zu blicken, auch wenn ich nicht mehr so viel machen kann wie früher. Ich habe immer vom Schreiben gelebt und mir auch künftig Projekte vorgenommen. Unter anderem schreibe ich ein neues Buch. Auch ein neuer Film ist in Arbeit. Ich bin zwar seit einiger Zeit aufgrund meiner Erkrankung verrentet, will aber trotzdem weiterhin etwas tun. Meine Botschaft an andere: „Versuchs doch einfach, vielleicht klappts ja.“ Also einfach ausprobieren, sonst wird man nie erfahren, ob es geklappt hätte.

 

Buchtipp:

„500 Meter. Trotz Multipler Sklerose um die Welt“
Knud Kohrs Erlebnisse in einem Reisebuch

 

 

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