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Aktuelle Studie: Gehfähigkeit bleibt länger erhalten

19.12.2016

Eine aktuelle Studie macht Mut. Durch die Therapie mit den gängigen MS-Medikamenten scheint sich der Krankheitsverlauf langfristig positiv beeinflussen zu lassen. Die aktuellen Prognosen für die Betroffenen sehen daher weitaus positiver aus, als noch vor einigen Jahren vermutet.

Weltweit leben etwa 2 Mio. Menschen mit MS. In Deutschland wird die Zahl der Betroffenen derzeit auf 200.000 geschätzt. Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Gehirns und des Rückenmarks (zentrales Nervensystem). Durch ein fehlgesteuertes Immunsystem kommt es „aus Versehen“ zu Attacken des Immunsystems auf Strukturen des zentralen Nervensystems. Warum genau es zu der Fehlsteuerung des Immunsystems kommt ist bislang noch unbekannt. Dennoch hat die Forschung auf dem Gebiet in den letzten 20 Jahren Erstaunliches hervorgebracht. So ist eine Multiple Sklerose zwar leider nach wie vor nicht heilbar, der Krankheitsverlauf kann jedoch mithilfe einer ganzen Reihe kompetenter Medikamente in Schach gehalten werden.

Dieser Forschungserfolg kommt in erster Linie einem zu Gute, dem Betroffenen. War die Diagnose MS vor 20 Jahren fast unweigerlich mit einem Leben im Rollstuhl verbunden, so ändert sich die Prognose für Patienten durch das Angebot an entsprechenden krankheitsmodifizierenden Therapien. Studien aus den vergangenen Jahren haben einen relativ vergleichbaren Krankheitsverlauf vorhergesagt.

Eine vergleichbare epidemiologische Studie wurde kürzlich durch eine Forschergruppe der Universität von Kalifornien in San Diego durchgeführt. Das Forscherteam unter der Leitung von Stephen L. Hauser setzte sich zum Ziel, den Langzeitnutzen derzeit verfügbarer MS-Medikamente im Hinblick auf den Behinderungsgrad der Patienten genauer zu untersuchen. Dazu werteten die Wissenschaftler Daten von insgesamt 517 MS-Patienten aus, die über viele Jahre hinweg unter Behandlung und Beobachtung durch das Institut standen. Die Studienteilnehmer wurden bis zu zehn Jahre lang begleitet. Als Standardskala zur Erfassung von körperlichen Einschränkungen wurde die EDSS-Skala (siehe Faktenbox) verwendet und die Einschränkungen somit systematisch erfasst.

In einer aktuellen Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie fasst Prof. Dr. Wiendl die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: „Es zeigte sich, dass der EDSS-Wert bei 41 Prozent der Studienteilnehmer unter einer Therapie mit Interferon beta und gegebenenfalls hochpotenten Wirkstoffen stabil blieb oder sich sogar verbesserte. Einen EDSS-Wert von 6 oder größer – gleichbedeutend mit der Notwendigkeit von Krücken oder (ab EDSS 7) eines Rollstuhls – erreichten während der medianen Krankheitszeit von 16,8 Jahren hier lediglich 10,7 Prozent der Patienten. Bleiben die Patienten unbehandelt, sind es etwa 50 Prozent, die in diesem Zeitraum ähnlich schwere Behinderungen erleiden, wie frühere Studien gezeigt haben.“

Überraschenderweise konnte die Forschergruppe ebenfalls belegen, dass der Übergang von einer schubförmigen Verlaufsform in einen sekundär-progredienten Verlauf, der gewöhnlich als zweites Stadium der Erkrankung angesehen wird (hierzu siehe Artikel MS-eine Krankheit mit vielen Gesichtern) weniger häufig auftritt, als frühere Untersuchungen vermuten ließen. Lediglich 18,1% der beobachteten Patienten entwickelten in der Beobachtungszeit einen sekundär-progredienten Verlauf. Frühere Daten haben prognostiziert, dass zwischen 36-50% der Patienten, wenn sie keine Behandlung erfuhren, innerhalb der Beobachtungszeit in dieses Stadium gewechselt hätten.

Zusammengefasst konnte die Studie belegen, dass die Zunahme der Behinderung langfristig durch Therapie mit den verfügbaren MS-Medikamenten minimiert werden kann und der Übergang in den zweiten Krankheitsverlauf hinausgezögert oder möglicherweise aufgehalten werden könnte. Diese Untersuchung unterlag zwar methodischen Einschränkungen, so kommen die Daten alle aus einem Institut und teilweise fehlen entsprechende Vergleichsgruppen aus der gleichen Region. Dennoch zeigt die Studie vor allem zwei Dinge: Zum einen den Therapienutzen der bereits zugelassenen MS-Medikamente in Hinblick auf den langfristigen Krankheitsverlauf und zum anderen, dass die Forschung auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose weiter fortgeführt werden muss.

 

Faktenbox:

EDSS-Skala (expanded disability status scale): Die Skala basiert auf einer standardisierten neurologischen Untersuchung, bei der unterschiedliche neurologische Funktionssysteme abgefragt werden. Die Skala ist auf die Gehfähigkeit des Patienten gewichtet. Die getesteten Funktionssysteme sind u. a.: Sensibilität (Gefühlswahrnehmung), Motorik, Gehirnstamm (z. B. Sprechen, Schlucken), Darm und Blase, Sehvermögen, zerebrale Funktionen und mentales Vermögen.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

http://www.dgn.org/presse/pressemitteilungen/51-pressemitteilung-2016/3342-multiple-sklerose-immer-mehr-patienten-leben-ohne-behinderungen?utm_source=Mediennewsletter&utm_medium=Newsletter&utm_campaign=ms_fortschritte (Zugriff: 15.11.2016)

B. A. C. Cree, P.-A. Gourraud, J. R. Oksenberg, C. Bevan, E. Crabtree-Hartman, J. M. Gelfand, D. S. Goodin, J. Graves, A. J. Gree, E. Mowry, D. T. Okuda, D. Pelletier, H.-C. von Büdingen, S. S. Zamvil, A. Agrawal, S. Caillier, C. Ciocca, R. Gomez, R. Kanner, R. Lincoln, A. Lizee, P. Qualley, A. Santaniello, L. Suleiman, M. Bucci, V. Panara, N. Papinutto, W. A. Stern, A. H. Zhu, G. R. Cutter, S. Baranzini, R. G. Henry, S, L. Hauser, Long-term evolution of multiple sclerosis disability in the treatment era., Annals in Neurology 13.08.2016 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ana.24747/full (Zugriff: 27.10.2016)

http://www.ms-life.de/ms-service/ms-news/detail/article/ms-eine-krankheit-mit-vielen-gesichtern/ (Zugriff: 15.11.2016)

 

 

 

 

 

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