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Ausgepowert nach 5 Minuten: MS und Fatigue

31.01.2017

Schätzungsweise zwischen 70 und 95% der MS-Patienten leiden nahezu täglich unter unerklärlichen Erschöpfungszuständen, einem Phänomen, das in der Medizin als Fatigue bezeichnet wird. Fatigue ist eines der häufigsten Symptome der MS, das sich vor allem durch Antriebs- und Energiemangel sowie dauerhafte Müdigkeit bemerkbar macht. Plötzlich werden die einfachsten Dinge des Alltags, sei es Kochen oder Einkaufen gehen, zu einer Herausforderung. Meist hadern die Betroffenen unter ihrem eingeschränkten Leistungsvermögen mit sich selbst: Sie fühlen sich schuldig, weil sie das Gefühl haben, persönlich zu versagen und es schwerfällt, Fatigue als solches zu erkennen und zu akzeptieren.

Fatigue (siehe Faktenbox) ist ein nicht zu beherrschendes Gefühl der körperlichen oder seelischen Abgeschlagenheit, Erschöpfung, Ermüdung und Energielosigkeit. Offensichtlichstes Kennzeichen für Fatigue ist sehr oft das Unvermögen, eine körperliche oder geistige Tätigkeit über einen längeren Zeitraum ohne Pausen ausüben zu können. Wie die MS selbst, kann Fatigue in vielen unterschiedlichen Formen in Erscheinung treten. Im Allgemeinen werden zwei Formen unterschieden: primäre und sekundäre Fatigue. Wissenschaftler führen die primäre Fatigue unmittelbar auf die MS zurück. Die MS-typischen Schädigungen des Zentralnervensystems (siehe Faktenbox) haben eine Verlangsamung der Reaktionen zur Folge, was letztlich zu einer abnormen Müdigkeit führt. Die sekundäre Form hingegen ist nicht direkt auf die MS zurückzuführen. Hier können verschiedene Faktoren von Bedeutung sein. Beispielsweise schränken Schlafstörungen die Leistungsfähigkeit am Tage ein und erhöhen damit die Ermüdbarkeit. Symptome wie Geh- und Sehstörungen können dazu führen, dass alltägliche Tätigkeiten für den Körper kräfteraubend sind und dadurch schneller eine Erschöpfung eintritt. Trotz aller Anstrengungen der Wissenschaft sind die Ursachen für das Syndrom bisher noch nicht abschließend geklärt.

Für die Diagnostik stehen eine Reihe standardisierter Fragebögen zur Verfügung, mit denen die subjektive Dimension der Fatigue individuell erfasst werden kann. Einer der gebräuchlichsten Erhebungsbögen, der als Goldstandard gilt, ist die sogenannte „Fatigue Severity Scale“ (siehe Faktenbox). Darüber hinaus ergänzen schulmedizinische Messmethoden, wie etwa Belastungstests oder computergestützte neuropsychologische Verfahren, das diagnostische Repertoire.

Fatigue ist zweifelsohne eine erhebliche Belastung für die Betroffenen, aber dennoch können durch gezielte Maßnahmen die Symptome vermindert werden. Wenn Sie unter starker Müdigkeit und Erschöpfung leiden, sollten Sie dies frühzeitig und ausführlich mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen, um eine individuelle Behandlungsmöglichkeit zu finden. Ärzte raten häufig zu einer Anpassung des Lebensstils. So haben sich mehrere über den Tag verteilte Ruhepausen sowie das Erlernen bestimmter Entspannungstechniken bewährt. Zudem helfen auch praktische Tipps, z. B. sich zum Einkaufen einen Handwagen mitzunehmen oder das Sportprogramm nicht in der Mittagshitze durchzuführen. Regelmäßiges gut dosiertes Ausdauertraining (Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking) steigert die körperliche Belastbarkeit und wirkt der Fatigue-Entstehung entgegen. Bei bestehender Wärmeempfindlichkeit ist es ratsam, Hitze zu meiden und bei hohen Temperaturen eine optimale Körpertemperatur mit Hilfe von Kühlelementen, wie Kühlweste, Nackentuch oder Stirnband, zu erreichen. Besondere Diäten müssen nicht eingehalten werden. Allerdings sollten Sie unbedingt darauf achten, ausreichend zu trinken, da ein Flüssigkeitsmangel die Symptome verstärken kann. Damit Sie Ihren Tagesablauf möglichst optimal nutzen können, kann es hilfreich sein, ein Fatigue-Tagebuch zu führen. Dieses kann Ihnen helfen, mit Ihren Kräften besser zu haushalten.
Versuche, die Fatigue medikamentös zu behandeln, sind in Studien bisher kaum zufriedenstellend verlaufen. Zwar gibt es mittlerweile einige Wirkstoffe, jedoch ist bis heute keiner dieser Substanzen in Deutschland für die Therapie zugelassen. Allerdings kann der medikamentöse Einsatz im Einzelfall und unter bestimmten Voraussetzungen in Absprache mit dem behandelnden Arzt versucht werden, die Kosten dafür werden jedoch nicht von den Krankenkassen getragen.

Faktenbox:

Fatigue ist ein Syndrom, d. h. eine Ansammlung unterschiedlicher Symptome, das als Begleiterscheinung verschiedener chronischer Erkrankungen, wie beispielsweise der MS, auftritt. Der Begriff stammt aus dem Französischen und fasst eine außerordentliche Müdigkeit, mangelnde Energiereserven oder ein massiv erhöhtes Ruhebedürfnis, das absolut unverhältnismäßig zu vorausgegangenen Aktivitätsänderungen ist, zusammen. Fatigue ist ein krankhafter Erschöpfungszustand, der durch normale Erholungsmechanismen, etwa durch Schlaf, nicht vollständig regeneriert werden kann.

Der Fatigue Severity Scale“ (FSS) ist ein Fragebogen, mit dessen Hilfe sich das Vorliegen und der  Schweregrad einer Fatigue bei verschiedenen Krankheitsbildern beurteilen lässt. Fatigue ist ein unspezifisches und sehr subjektiv wahrgenommenes Problem. Der Fragebogen hilft, diese Aspekte zu berücksichtigen.

Als Zentralnervensystem (ZNS) bezeichnet man die im Gehirn und Rückenmark gelegenen Nervenstrukturen, welche die zentrale Reizverarbeitung der aus der Peripherie einlaufenden sensorischen Reize vornehmen. Das ZNS ist der Ort des unbewussten und bewussten Denkens.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

Patientenbroschüre „Den Alltag meistern“, http://www.ms-life.de/ms-service/broschuerendownload/  (Zugriff: 01.12.2016)

http://www.amsel.de/multiple-sklerose/behandeln/index.php?kategorie=msbehandeln&kategorie2=&kategorie3=symptomatischetherapie&anr=3443 (Zugriff: 01.12.2016)

https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/dmsg-aktuell/schon-mehr-als-12000-multiple-sklerose-erkrankte-managen-ihren-alltag-mit-dem-ms-tagebuch/ (Zugriff: 01.12.2016)

 

 

 

 

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