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Beeinflusst das gezielte Körpertraining auch die Gehirnfunktion?

27.04.2015

Italienische Forscher haben jüngst in einer Studie untersucht, inwiefern es einen sogenannten „Fernübertragungseffekt“ verschiedener untrainierter Gehirnfunktionen bei Anwendung von Videospielen, insbesondere des Balance Board Systems gibt.

Frei erwerbliche Videospiele könnten integrative und angepasste Trainingsmuster bereitstellen, um spezifische Gehirnfunktionen, wie z. B. Problemlösung, Planen, Denken, Arbeitsgedächtnis und Multitasking, zu erweitern.

Aufgabenspezifische Trainings, die Videospiele nutzen, können nicht nur Multitasking-Fähigkeiten von Jugendlichen und älteren Erwachsenen schulen. Auch motorische und geistige Funktionen bei neurologischen Patienten, die z. B. an MS erkrankt sind, sprechen auf diese Art von Training an. Darauf weist auch der computergestützte und Videospiel-basierte Gebrauch hin, der bei kognitiven Rehabilitationsprogrammen verwendet wird. Im Rahmen dieser Maßnahme werden das Arbeitsgedächtnis, die komplexe Aufmerksamkeitsfunktion und die visuell-konstruktive Vorstellung von Patienten verbessert und kann dadurch sogar Fatigue mindern. Videospiele können also eine kostengünstige, angenehme und selbstmotivierende Heimlösung sein, um die Wirksamkeit von Rehabilitationsmaßnahmen zu verbessern.

Bislang wurde die Möglichkeit, dass Videospiele einen Übertragungseffekt von motorischen zu kognitiven Fähigkeiten bieten, noch nicht bei MS-Patienten erforscht. Die erste Pilotstudie wurde mit insgesamt 21 MS-Patienten durchgeführt. Dazu wurden die Patienten in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Gruppe absolvierte in den ersten 12 Wochen täglich ein 30-minütiges Training mit dem Balance Board System. Dann folgte eine Pause von 12 Wochen ohne Training; die zweite Gruppe ging genau umgekehrt vor. Diese Gruppe hatte die ersten 12 Wochen kein Training und durfte dann 12 Wochen lang das Balance Board mit den Übungen verwenden.

In dieser Studie konnten die Wissenschaftler zeigen, dass ein 12-wöchiges Heimtraining mit dem Balance Board das statische und dynamische Gleichgewicht, die Gehgeschwindigkeit und die Lebensqualität der MS-Patienten verbessern kann. Darüber hinaus konnten die motorischen und emotionalen Veränderungen durch Messungen der Gehirnaktivität in bestimmten Hirnregionen nachgewiesen werden.

Im Rahmen der Studie wurde außerdem untersucht, ob das Balance Board Training auch die Wahrnehmungsfähigkeit von MS-Patienten verbessern kann.

Zur Auswertung der Effekte wurde unter anderem der sogenannte PASAT-Test (Paced Auditory Serial Addition Test) angewendet. Dieser Test wird genutzt, um das Arbeitsgedächtnis, die Aufmerksamkeit sowie die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit zu messen. Dabei werden die Veränderungen der einzelnen Parameter über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg wiederholt gemessen.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Balance Board Training die Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung der Patienten erkennbar verbesserte. Diese Verbesserung war deutlich bei beiden Patientengruppen während der aktiven Übungsphase zu sehen. In den Zeiten ohne Fortsetzung der Übungen auf dem Balance Board ließ der positive Effekt dann wieder langsam nach.

Die zugrunde liegende Hypothese besagt, dass eine komplexe Trainingsumgebung, wie z. B. durch Videospiele, die Kapazität des Wiedererlernens, möglicherweise durch eine Erhöhung der funktionalen oder strukturellen Kapazität des neuronalen Netzwerks im Gehirn, gefördert werden kann. Diese ersten vielversprechenden Studienergebnisse müssen nun mit einer größeren Patientengruppe verifiziert werden. Weiterhin sollen tiefergehende Untersuchungen zum Verständnis des Zusammenhang von der Verwendung eines Balance Boards mit der Verbesserung von neuronalen Funktionen durchgeführt werden.

Prosperini L, Fortuna D, Giannı` C et al (2013) Home-based balance training using the Wii balance board: a randomized, crossover pilot study in multiple sclerosis. Neurorehabil Neural Repair 27:516–525

Prosperini L, Petsas N, Sbardella E, Pozzilli C, Pantano P. Far transfer effect associated with video game balance training in multiple sclerosis: from balance to cognition? J Neurol. 2015 Mar;262(3):774-6.

 

 

 

 

 

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