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Cortison: Ein körpereigener Stoff mit viel Potenzial

08.06.2015

Im Falle eines Schubs wird häufig eine Stoßtherapie mit Cortison über mehrere Tage erforderlich. Was aber macht Cortison im Körper und warum brauchen wir zusätzlich Cortison, wenn unser Körper dieses schon selbst herstellt? Ein Grund, mal genauer hinzuschauen, wie Cortison eigentlich wirkt.

Glucocorticoide sind eine Gruppe biochemisch unterschiedlicher Substanzen, die als natürliche Hormone vom Körper selbst, und zwar von der Nebennierenrinde, ausgeschüttet werden. Bei Stress erhöht sich die ins Blut freigesetzte Menge. Cortison wird dabei als inaktive Form freigesetzt und in der Leber zur aktiven Form, dem Cortisol, umgewandelt. Dieses kann an den Glucocorticoidrezeptor binden und dadurch gleichzeitig die Herstellung von vielen unterschiedlichen Proteinen steuern. Bei Gefahr ermöglichen diese sogenannten Stresshormone uns blitzschnelle Reaktionen, indem sie Energiereserven mobilisieren. Zu diesem Zweck greifen sie in zahlreiche Stoffwechselprozesse ein und beeinflussen den Wasser‐ und Mineralstoffhaushalt sowie das Herz‐Kreislauf‐ und das Nervensystem. Die Hormone verstärken den Abbau von Eiweiß und Fett, erhöhen den Blutzuckerspiegel und beschleunigen die Blutgerinnung. Ferner wirken sie entzündungshemmend und immunsuppressiv.

Therapeutisches in der Medizin eingesetztes Cortison wird synthetisch hergestellt und entweder systemisch über Infusionen oder in Tablettenform verabreicht. Außerdem wird Cortison in Salben verarbeitet und kann auf die Haut aufgetragen werden. Je nach Menge, Dauer und Applikationsform der Anwendung können unterschiedliche Wirkungen entstehen. Das von außen zugeführte Cortison, das im Körper zu Cortisol umgewandelt wird, beeinflusst die körpereigene Cortisolproduktion. Hohe Dosen, über einen längeren Zeitraum eingenommen, greifen in den Hormonregelkreis ein und können die Eigenproduktion des Cortisons hemmen. Dies ist auch der Grund, warum teilweise empfohlen wird, bei längerfristiger oraler Cortison‐Einnahme die Therapie ein‐ und wieder auszuschleichen. Dies kann überschießende körpereigene Reaktionen verhindern.

Bei einer Stoßtherapie mit Cortison im Schub wird die entzündungshemmende Wirkung von Cortison genutzt. Durch Hemmung von bestimmten Immunzellen wird die Ausschüttung von entzündungsfördernden Stoffen unterdrückt. Gleichzeitig wird die Einwanderung von Immunzellen ins zentrale Nervensystem verhindert. Cortisol kann die Blut‐Hirn‐Schranke undurchlässiger für Immunzellen machen. Dies ist ein Teil der entzündungshemmenden Wirkung, denn während eines MS‐Schubs bilden sich neue Entzündungsherde im Gehirn oder Rückenmark und können, je nach Lokalisation, unterschiedliche neurologische Beschwerden verursachen. Je früher also eine Therapie bei einem MS‐Schub erfolgt, umso größer die Wahrscheinlichkeit, die Entzündungsreaktion zurückzudrängen bzw. so gering wie möglich zu halten.

Eine kurzzeitig hochdosierte Cortisongabe ist im Allgemeinen gut verträglich. Weil der Körper zwischen sechs und acht Uhr morgens am meisten Cortisol ausschüttet, sind Corticoide besser verträglich, wenn sie dem natürlichen Rhythmus folgend am frühen Morgen eingenommen werden. Manchmal können jedoch auch vorrübergehend Nebeneffekte wie Schwindel, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen auftreten.

Weil während einer Stoßtherapie mit Cortison das Thromboserisiko leicht ansteigt und im Magen die Schleimproduktion reduziert wird, können vorsorglich ein Magenschutz sowie eine Thromboseprophylaxe sinnvoll sein. Dies sollte im Einzelfall je nach persönlicher Disposition ärztlich abgewogen und entschieden werden.

Fazit: Cortison ist ein hochpotenter Wirkstoff, der universell einsetzbar und lebensrettend sein kann. Sein therapeutischer Einsatz sollte mit Bedacht und unter ärztlicher Kontrolle erwogen werden, um einen größtmöglichen individuellen Nutzen zu erreichen.

 

 

 

 

 

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