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Die Kortison-Stoßtherapie bei MS

29.05.2017

Die Kortison-Stoßtherapie ist eine bedeutsame Methode zur Behandlung akuter MS-Schübe. Sie zählt seit langem in Form einer Hochdosistherapie, ob durch Infusion oder mit Tabletten verabreicht, unter Neurologen nahezu unumstritten zum Behandlungsstandard. Die Kortison-Stoßtherapie zielt hauptsächlich darauf ab, die Schubdauer möglichst schnell zu verkürzen und die schubbegleitenden Symptome zu bekämpfen.

Ein akuter MS-Schub liegt in der Regel dann vor, wenn bisher unbekannte Beschwerden oder längst vergangene Symptome wieder auftreten und sich diese über einen Zeitraum von mindestens 2 Tagen anhaltend verstärken. Spricht alles für das Vorliegen eines schweren MS-Schubs, ist es wichtig, so schnell wie möglich, d. h. innerhalb von 2–5 Tagen nach Schubbeginn, die Kortison-Stoßtherapie einzuleiten. Kortison selbst ist ein körpereigenes Steroidhormon, das zur Gruppe der sogenannten Glukokortikoide zählt und in der Nebennierenrinde des Menschen gebildet wird. Es stellt die inaktive Vorstufe des biologisch wirksamen Kortisols (siehe Faktenbox) dar. Das Hormon wird auch als „Stresshormon“ bezeichnet, da es durch vermehrte Ausschüttung in Stresssituationen hilft, den Körper durch komplexe biochemische Prozesse kurzzeitig mit zusätzlicher Energie zu versorgen.

Da das Hormon darüber hinaus in hohen Konzentrationen entzündungshemmend und immunsuppressiv wirkt, hat es eine große Bedeutung erlangt bei der Behandlung entzündlicher Erkrankungen, wie beispielsweise Asthma, Rheuma oder Neurodermitis. Die Behandlung schwerer MS-Schübe mit Kortisonpräparaten hat sich in den 70er Jahren im großen Umfang durchgesetzt. Seit 1992 gilt die Hochdosistherapie, auch Kortison-Stoßtherapie oder -Schubtherapie genannt, zur Standardbehandlung schwerer MS-Schübe. Da das körpereigene Immunsystem durch die Kortisonwirkung abgeschwächt wird, startet die Therapie meist einen Tag vor der Kortisongabe mit einer Blut- und Urinuntersuchung, um das Vorliegen möglicher Infektionen auszuschließen. Erst bei negativem Befund erfolgt dann die Behandlung über einen Zeitraum von drei bis maximal fünf Tagen. Meist werden vorzugsweise morgens Infusionen mit einer sehr hohen Kortisonkonzentration, die zwischen 500 und 1.000 mg liegen, verabreicht. Nach Therapieende ist ein Ausschleichen der hohen Kortisonkonzentration mit deutlich niedrigeren Kortisonpräparaten (meist Tabletten) nicht zwingend notwendig. Wenn sich die Schubsymptome nach zwei Wochen nicht verbessert haben sollten, kann die Therapie auf Empfehlung der Experten der MS-Therapie Konsensusgruppe mit einer erneut höheren Kortisondosis (bis maximal 2.000 mg pro Tag) über fünf Tage erfolgen. Sollte sich in besonders schweren Fällen auch in der zweiten Behandlung nicht der gewünschte Therapieerfolg einstellen, kann eine Plasmapherese (siehe Faktenbox) versucht werden. Von einer Dauertherapie wird aufgrund der Nebenwirkungen des Kortisons, wie etwa Bluthochdruck oder ein erhöhtes Osteoporoserisiko, allgemein abgesehen. Da in der Stoßtherapie die Kortisongabe zeitlich sehr begrenzt erfolgt, treten starke Nebenwirkungen sehr selten auf. Die häufigsten Beeinträchtigungen der kurzzeitigen Behandlung sind Übelkeit und Kopfschmerzen, denen am besten mit Liegenbleiben nach den Infusionen und durch reichliches Trinken vorgebeugt werden kann. Aufgrund der Infektanfälligkeit unter Kortisongabe sollte auf eine gute Hygiene geachtet und Orte mit vielen Menschen möglichst vermieden werden.

Obwohl bis heute nur wenig aussagekräftige klinische Studien vorliegen, die zweifelsfrei die Wirksamkeit der Therapie nach neuestem wissenschaftlichen Standard beweisen, führt die Kortisonbehandlung bei vielen Patienten zum raschen Abklingen des akuten Schubs. Trotz der positiven Effekte der Kortisonbehandlung gehen die Mediziner allerdings auch davon aus, dass durch die Therapie das Auftreten neuer Schübe nicht verhindert oder verzögert werden kann. Letztlich beruht nach medizinischer Beurteilung die Entscheidung zur Durchführung der Schubtherapie beim behandelnden Neurologen.

 

Faktenbox:

Kortison ist ein Steroidhormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird und biochemisch die inaktive Form des biologisch wirksamen Kortisols darstellt. Kortisol wird zur Gruppe der Glukokortikoide (Substanzen, die im Körper gespeicherte Energie mobilisieren) gezählt, da es u. a. in der Lage ist, den Blutzuckerspiegel anzuheben. Darüber hinaus übernimmt Kortisol wichtige Funktionen für zahlreiche Stoffwechselvorgänge im Körper (u. a. Fett- und Eiweißstoffwechsel) und ist durch immunsupressive Eigenschaften an immunologischen Prozessen beteiligt.

Die Plasmapherese (Blutwäsche) ist ein technisches Entnahmeverfahren, das eine Option für die Behandlung eines akuten MS-Schubs darstellt. Durch dieses Verfahren wird das flüssige Plasma von  den Blutzellen getrennt und entweder durch fremdes Plasma oder Albumin (spezielles Plasmaprotein) ersetzt. Die Blutwäsche erfolgt stationär, dauert ca. 2–4 Stunden und wird in der Regel fünfmal wiederholt. Ziel ist es, das Blut von jenen Bestandteilen zu reinigen, die zur Schädigung des Myelins führen. Die Therapie sollte innerhalb von vier bis spätestens sechs Wochen nach Auftreten eines schweren MS-Schubs erfolgen. Für eine langfristige Immuntherapie ist die Blutwäsche allerdings nicht geeignet.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

Schubtherapie der Multiplen Sklerose“, Schulungsbroschüre UKE Hamburg 2006;  http://www.gesundheit.uni-hamburg.de/upload/Schubtherapie_der_MultiplenSklerose.pdf (Zugriff: 19.01.2017)

Die Kortison-Stoßtherapie“, https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/index.php?kategorie=msbehandeln&kategorie2=&kategorie3=schubtherapie&msbnr=1 (Zugriff: 19.01.2017)

„Immunmodulatorische Stufentherapie der Multiplen Sklerose – aktuelle Therapieempfehlungen der Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe (MSTKG), 2016; http://www.amsel.de/dokumentearchiv/immunmodulatorische_stufentherapie_stand_september_2006.pdf (Zugriff: 19.01.2017)

http://www.ms-life.de/ms-community/diskussionsforum/beitraege//kortison_stosstherapie_ambulant/ (Zugriff: 19.01.2017)

„Kortison-Stoßtherapie bei Multipler Sklerose“, Prof. Dr. Manfred Stöhr; Print ISBN 978-3-540-54873, Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1992

 

 

 

 

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