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Familiäres Risiko niedriger als angenommen?

31.01.2017

Ist Multiple Sklerose vererbbar? Das ist eine der zentralen Fragen, die vielen MS-Betroffenen auf dem Herzen liegt. MS bricht normalerweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr aus, also genau zu der Zeit im Leben, zu der die Familienplanung für viele eine wichtige Rolle spielt.

Die Ursachen für die Erkrankung sind bis heute trotz intensiver Forschung auf dem Gebiet noch nicht geklärt. Wissenschaftler gehen aktuell davon aus, dass es sich um eine „multifaktorielle Erkrankung“ handelt. Das bedeutet, dass nicht eine Ursache alleine, wie beispielsweise eine Veränderung im Erbgut (genetische Veränderung, Genetik) ausreichend ist, um MS zu vererben. Bekannt ist bisher, dass die Genetik eine tragende Rolle bei der Erkrankung spielt, jedoch wahrscheinlich auch ungünstige Umweltfaktoren dazu kommen müssen, damit es zum Ausbruch der Erkrankung kommt.

Eine schwedische Studie ist der Frage nach der Vererbungswahrscheinlichkeit der Multiplen Sklerose genauer nachgegangen. Im Rahmen der Studie untersuchten die Wissenschaftler, wie groß die Wahrscheinlichkeit tatsächlich ist, die Multiple Sklerose an die nächste Generation weiterzugeben. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass das familiäre Risiko geringer zu sein scheint als bisher angenommen. Dieses Ergebnis wird ebenfalls durch das deutsche MS-Register bestätigt.

Die schwedischen Forscher werteten Daten aus einem Mehrgenerationen-Register und einem schwedischen MS-Zwillingsregister aus. So konnten Daten von insgesamt 28.396 MS-Patienten analysiert werden. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Geschwister von MS-Erkrankten ein siebenfach größeres Risiko haben, an MS zu erkranken. Bei Kindern von MS-Patienten war das Risiko um das Fünffache erhöht. Weitergehend schlossen die Wissenschaftler aus den Ergebnissen, dass Verwandte wie Enkel, Neffen oder Nichten keine Angst vor einer genetischen Weitergabe der Erkrankung haben müssen. Zudem konnten durch die Analyse des genetischen Materials von 74.757 eineiigen Zwillingspaaren des schwedischen MS-Zwillingregisters die Ergebnisse früherer Untersuchungen bestätigt werden. Sie besagen, dass sowohl die Genetik als auch weitere Faktoren, wie beispielsweise Umweltfaktoren, an der Entstehung von MS beteiligt sind.
Das deutsche MS-Register, das von der DMSG initiiert wurde um u.a. Lebensqualitätsdaten zu erfassen, belegte diese schwedischen Ergebnisse. Die deutschen Forscher konnten zeigen, dass das Vererbungsrisiko in der Tat geringer zu sein scheint als bisher angenommen. 87,3% der Betroffenen hatten keine Verwandten, die ebenfalls an MS erkrankt waren. Bei 12,7% gab es mindestens einen weiteren MS-Fall in der Familie.

Um solche Daten zu generieren und eine detaillierte Abschätzung von familiärem Risiko und Vererbung zu erheben, ist eine große Datenmenge unerlässlich, die in vielen Ländern in MS-Registern gesammelt wird. Durch die koordinierte Auswertung der Daten können Rückschlüsse auf die Prävalenz (Gesamtheit aller MS-Betroffenen) sowie die Inzidenz (Neuerkrankungen pro Jahr) gezogen werden. Zudem könnten regionale umweltbedingte Risikofaktoren sowie familiäre Häufungen von MS charakterisiert und weiter untersucht werden. Register ermöglichen die koordinierte Erfassung der medizinischen Versorgung von MS-Patienten und können zur Aufklärung eventueller Missstände beitragen. Ähnliche Register gibt es bereits seit vielen Jahren zum Beispiel für verschiedene Krebserkrankungen in Deutschland.

Referenzen und weiterführende Informationen:

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