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Harnsäure als Biomarker für den Verlauf von MS?

19.08.2015

Auf den ersten Blick erscheint es nicht unbedingt ersichtlich, warum gerade Harnsäure als Biomarker für den Verlauf von Multipler Sklerose und das Fortschreiten der körperlichen Einschränkungen verantwortlich sein könnte. Den meisten Menschen ist geläufig, dass Harnsäure über die Nieren ausgeschieden wird und eine erhöhte Harnsäurekonzentration im Blut auf eine Nierenfunktionsstörung hinweist. Weniger bekannt ist jedoch, wie Harnsäure überhaupt entsteht und welche Funktion sie im Körper haben kann.

Harnsäure entsteht als Endprodukt des Purinstoffwechsels. Purine entstehen im Körper durch das Absterben von Zellen und den Abbau des darin enthaltenen Erbguts und dessen Abschriften (DNA und RNA). Auch purinreiche Nahrung, wie beispielsweise Fleisch und Innereien, führt zu einem Anstieg des Harnsäurespiegels im Blut. Unter normalen Umständen erfolgt Abbau und Ausscheidung der Harnsäure größtenteils über die Niere (bis zu 75 %). Auch über den Schweiß, Speichel oder Darm werden geringe Mengen an Harnsäure ausgeschieden. Die Niere ist hauptverantwortlich dafür, den Harnsäurespiegel im Blut konstant zu halten. Sie kann bei einem Abfall der Konzentration im Blut Harnsäure auch wieder aus dem Urin herausfiltern und dem Blut zuführen.

Doch welche Aufgabe hat der Harnstoff im Körper und was hat das mit MS zu tun?

Als starker natürlicher Radikalfänger eliminiert die Harnsäure reaktiven Sauerstoff, der bei chronisch-entzündlichen Krankheiten wie der MS in großer Menge entsteht. Die Elimination der freien Radikale* führt dabei zu einer verbesserten Neuroprotektion, dem Versuch, Nervenzellen und Nervenfasern durch pharmakologische oder molekularbiologische Methoden vor dem Absterben zu bewahren.

In wissenschaftlichen Studien, die die Harnsäurekonzentration von MS-Patienten untersuchten, wurde festgestellt, dass MS-Patienten deutlich niedrigere Harnsäurespiegel hatten als die Probanden der Kontrollgruppe. Auch erste in vivo Experimente deuten auf einen potenziellen Nutzen der Harnsäure bei autoimmuner Enzephalitis hin. Die erhöhten Harnsäurespiegel scheinen durch ihre neuroprotektive Funktion als Radikalfänger, die Nervenzellen vor Schäden zu schützen. In einer aktuellen Publikation wurden 362 MS-Patienten und 181 gesunde Probanden rekrutiert. Die Gruppen waren ausgewogen hinsichtlich Alter, Geschlecht und Nierenfunktion. Die Analyse der Harnsäurespiegel ergab signifikant reduzierte Werte bei den MS-Patienten. Weiterhin konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die Reduktion des Harnsäurespiegels mit der Krankheitsdauer und dem EDSS-Wert, der zur Bewertung neurologischer Defizite herangezogen wird, korreliert. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Harnsäure als Biomarker für MS und die Krankheitsprogression geeignet sein könnte.

Ob Harnsäure als Wirkstoff die verfügbaren MS-Therapien unterstützen könnte, ist jedoch völlig unklar und muss in Studien untersucht werden. Interferon-basierte Therapien scheinen den Harnsäurespiegel nicht zu beeinflussen.

 

* Freie, also ungebundene Radikale versetzen biologisches Gewebe in oxidativen Stress und können es zerstören, indem sie als Initiator eine Kettenreaktion auslösen.

Referenzen:

Moccia M, Lanzillo R, Palladino R, Russo C, Carotenuto A, Massarelli M, Vacca G, Vacchiano V, Nardone A, Triassi M, Morra VB. Uric acid: a potential biomarker of multiple sclerosis and of its disability. Clin Chem Lab Med. Clin Chem Lab Med. 2015 Apr;53(5):753-9.

Moccia M, Lanzillo R, Costabile T, Russo C, Carotenuto A, Sasso G, Postiglione E, De Luca Picione C, Vastola M, Maniscalco GT, Palladino R, Brescia Morra V. Uric acid in relapsing-remitting multiple sclerosis: a 2-year longitudinal study. J Neurol. 2015 Feb 12.

Rentzos M1, Nikolaou C, Anagnostouli M, Rombos A, Tsakanikas K, Economou M, Dimitrakopoulos A, Karouli M, Vassilopoulos D. Serum uric acid and multiple sclerosis. Clin Neurol Neurosurg. 2006 Sep;108(6):527-31.

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