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Hormone als Lösung bei MS?

25.10.2016

Es wird vermutet, dass das Schilddrüsenhormon Thyroxin zerstörte Bereiche im Gehirn wieder aufbauen kann. Östrogene wirken meist entzündungshemmend und Schwangerschaftshormone schützen vor einem Schub. Welche Bedeutung haben Hormone bei einer MS?

Hormone sind Botenstoffe des Körpers, die für einen reibungslosen Ablauf vieler Funktionen wichtig sind. Diese Botenstoffe werden von unterschiedlichen Organen ausgeschüttet. Beispielsweise bildet die Schilddrüse Thyroxin, die Nebennierenrinde Kortisol, die Zirbeldrüse (Hirnanhangdrüse) Melatonin, Hoden oder Eierstöcke die entsprechenden Sexualhormone Androgene oder Östrogene. Eine genaue Übersicht, welche Hormone an welcher Stelle im Körper gebildet werden, finden Sie hier.

Über Hormone werden viele unterschiedliche Vorgänge im Körper gesteuert, darunter die Kontrolle des Schlafrhythmus, die Regulation geschlechtsspezifischer Unterschiede, Regulation des Wasserhaushalts und vieles mehr. Hormone stehen seit langem im Fokus der MS-Forschung, da es sich nach aktuellem Forschungsstand bei MS um eine multifaktorielle Erkrankung handelt. Das bedeutet, dass verschiedene Faktoren zusammenkommen müssen, um eine MS auslösen zu können.

Lange ist bereits bekannt, dass MS mehr Frauen als Männer betrifft. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 70 % der Betroffenen weiblich und etwa 30 % männlich sind. Aber welchen Einfluss haben die unterschiedlichen Geschlechtshormone Androgene (Männer) und Östrogene (Frauen) auf die Entstehung und den Verlauf einer MS? Genau diese Fragestellung hat eine Forschergruppe des Biodonostia Institut in San Sebastian (Spanien) untersucht. Unter der Leitung von Dr. David Otaegui untersuchten die Wissenschaftler menschliche Blutproben.

Insgesamt wurden Blutproben von 24 Patienten mit einer schubförmig-remittierenden MS und von gleich vielen gesunden Probanden untersucht. Die Blutproben wurden während eines aktiven Schubs und während der sich anschließenden Remission (klinischen Verbesserung) gewonnen. Dabei wurde genau darauf geachtet, dass die Probanden zu beiden gewählten Zeitpunkten keine unterschiedliche Therapie erhielten. Besonderes Augenmerk legten die Forscher auf die Untersuchung sogenannter small non-coding DNA-Abschnitte (snc-DNA, englisch nichtkodierende DNA-Abschnitte). Snc-DNA sind Bereiche der DNA, deren Ablesung nicht zu einer bestimmten Substanz im Körper führt. Lange Zeit wurden diese Bereiche auch als „junk-DNA“, also „Abfall-DNA“, bezeichnet, was sie aber keinesfalls sind. Diese kurzen DNA-Abschnitte lösen eine ganze Reihe von Funktionen aus. Im Zuge der Untersuchung konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass eben diese snc-DNA im Krankheitsverlauf unterschiedlich abgelesen werden und dass diese Regulation abhängig zu sein scheint vom Geschlecht des MS-Patienten. Eine schwankende (sequenzielle) Ablesung dieser DNA-Abschnitte konnte bei gesunden Probanden nicht gefunden werden. Die gefundenen DNA-Abschnitte wurden funktionell untersucht und es konnte nachgewiesen werden, dass diesen DNA-Abschnitten eine Rolle in der Erhaltung und Bildung von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und in der Steuerung des Immunsystems zukommt. Damit konnte gezeigt werden, dass die gefundenen snc-DNA-Abschnitte eine direkte Rolle im Krankheitsgeschehen haben.

Weibliche Teilnehmerinnen an der Studie zeigten eine sehr viel stärkere Genregulation während der unterschiedlichen Erkrankungsphasen, als dies bei männlichen Teilnehmern der Fall war. Die Studie konnte damit erstmals zeigen, dass der aktive Schub und die Remission einen unterschiedlichen genetischen Hintergrund bei Frauen und Männern haben. Eventuell müssen diese Unterschiede in zukünftigen Behandlungsansätzen berücksichtigt werden.

Auch weitere Hormone könnten eine entscheidende Rolle bei MS spielen. So weist eine aktuelle Studie des Forscherteams von Dr. Mauricio Farez und Dr. Francisco Quintana aus Buenos Aires eine Korrelation zwischen geringer Krankheitsaktivität und einem hohen Melatoninspiegel im Körper nach. Melatonin ist ein Hormon, das bei jedem Menschen im Jahresverlauf stark schwankt. Die höchsten Konzentrationen liegen im Winter und Herbst vor – eben zu jener Zeit, wenn statistisch gesehen weniger MS-Schübe auftreten. Ähnliche Ergebnisse konnten in der Vergangenheit bereits für das „Sonnenhormon“ Vitamin D gezeigt werden.

Es wird vermutet, dass das Schilddrüsenhormon Thyroxin einen positiven Einfluss auf geschädigte Bereiche im Gehirn nehmen und Reparaturmechanismen anregen kann. Inwiefern das Geschlecht und der Hormonhaushalt des Betroffenen in zukünftigen Therapieansätzen berücksichtigt werden sollten, ist zurzeit noch Gegenstand der Forschung. Eventuell können sich in Zukunft durch diese grundlegenden Erkenntnisse, was das Krankheitsgeschehen und die ablaufenden Reparaturmechanismen betrifft, individuellere Therapieoptionen für Betroffene ergeben.

 

Faktenbox:

DNS/DNA: Desoxy-Ribonukleinsäure (Abkürzung kommt aus dem Englischen von Desoxi-Ribonucleic acid). Die DNA ist Grundlage für die Erbanlagen (Genetik) eines jeden Lebewesens.


Referenzen und weiterführende Informationen:

http://www.medizinfo.de/endokrinologie/hormone.htm (Stand 09.09.2016)

http://www.eesom.com/hormonsystem/ (Stand 09.09.2016)

M. Kegel, MS Relapse, Remission States Seen to Differ in Gene Expression Between Men and Women February 15, 2016, Multiple Sclerosis News https://multiplesclerosisnewstoday.com/2016/02/15/gene-regulation-by-sncrna-in-relapse-and-remission-ms-state-sex-dependent/ (Stand 09.09.2016, Englisch)

M. Muñoz-Culla, H. Irizar, M. Sáenz-Cuesta, T. Castillo-Triviño, I. Osorio-Querejeta, L. Sepúlveda, A. López de Munain, J. Olascoaga, D. Otaegu, SncRNA (microRNA & snoRNA) opposite expression pattern found in multiple sclerosis relapse and remission is sex dependent http://www.nature.com/articles/srep20126?WT.ec_id=SREP-631-20160202&spMailingID=50604898&spUserID=ODkwMTM2NjQzMAS2&spJobID=860221685&spReportId=ODYwMjIxNjg1S0 (Stand 12.09.2016, Englisch)

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