MS News

Ich bin wieder da! - Teil II: Aller Anfang ist schwer

21.09.2015

Eine MS-Patientin schildert ihre Reise auf dem Jakobsweg: Multiple Sklerose ist kein Beinbruch und der Jakobsweg ist kein Spaziergang.

22. Mai: In den ersten Stunden verläuft alles nach Plan, dann am Berg Jaizkibel nimmt das Desaster des ersten Tages seinen Anfang. Es gibt laut Wanderführer zwei Wege: einen über den Berg (steil) und eine Route um den Gipfel herum (länger, aber nicht so steil). Ich wähle die zweite Variante, da ich nicht so eine „Bergziege“ bin und lieber weiter, aber auf etwas flacheren Wegen wandere. Leider ist diese Variante heute auch die Route eines Mountainbike Rennens und die Jakobswegmarkierungen sind von denen des Mountainbike Rennens teilweise verdeckt. Sicherheitshalber frage ich einen älteren Herrn, ob ich mich auf dem Camino Richtung Pasaia-San Sebastian befinde und er schickt mich mit ausschweifenden Armbewegungen auf einen anderen Weg.

Ich laufe und laufe und durch eine Lücke im  dichten Wald habe ich einen tollen Blick auf das Meer und – oh Schreck – auf Hondarribia, meinen Ausgangsort. Ich habe den Berg umrundet und alles steht wieder auf Anfang. Ich bin zwar sauer, dass mich die letzten Stunden dem Ziel keinen Schritt näher gebracht haben, aber es hilft nichts. Ich schimpfe noch etwas wegen der fehlenden Markierungen und der mangelhaften Auskunft des freundlichen Herrn und mache mich dann entschlossen auf den richtigen Weg. Plötzlich verspüre ich ein dringendes Bedürfnis … Aufgrund der MS gehört leider eine chronische Blasenschwäche zu meinen „Problemchen“ und die Blase entleert sich auch ohne „Vorwarnung“ – unangenehm, aber man lernt, damit zu leben und ich habe mich mit Inkontinenzvorlagen gut eingedeckt. Nur leider liegen diese im Hotelzimmer und ich habe heute früh vor lauter Aufregung (erste Etappe!) vergessen vorzusorgen.

Ab jetzt laufe ich mit nasser Hose und schlecht riechend durch den Wald. Gut, dass ich alleine bin – mir begegnet wirklich kein Mensch mehr. Es beginnt zu regnen und die Wege werden glitschig, prompt falle ich auch noch in den Matsch. Meine Hündin Cagna nimmt das alles sehr gelassen, ihre große Stunde kommt noch. Nur noch 5,6 km vom heutigen Etappenziel Donostia-San Sebastián entfernt, nähere ich mich einem Dorf, wo eine Fiesta zu Ehren eines Heiligen gefeiert wird. Ich lerne, dass dieses in Spanien gerne von Feuerwerk und Geböller begleitet wird. Meine liebe Hündin hat große Angst vor derartigem Lärm; Silvester ist jedes Jahr eine Qual für sie. Völlig entsetzt versucht sie erst, zu fliehen, zieht wie verrückt und bleibt dann stocksteif stehen. Ich bin total entnervt, gehe in das Dorf und suche die nächste Bar. Dort gibt es etwas Schutz für Cagna und eine kalte Cola für mich (trinke ich nie, aber heute muss das sein – Zucker!). Die freundliche Dame hinterm Tresen organisiert ein Taxi, das auch Hunde befördert. Inzwischen ist es schon spät und ich kann meinen Mann nicht informieren, weil der Akku meines Handys leer ist. Er ist bestimmt schon kirre vor Sorge. Mit dem Taxi fahre ich zum gebuchten Hotel in San Sebastián – der arme Taxifahrer – stinkend und nass versuche ich, ein wenig Konversation zu betreiben. Zum Glück sind wir bald am Hotel und Erhard ist zu Recht sehr aufgebracht. Das war ein ziemlicher Fehlstart und ich hoffe, die nächsten Wandertage werden entspannter.

23. Mai: Am nächsten Tag werden die Wogen wieder geglättet und wir genießen einen Spaziergang an der Concha Bucht. Dabei sinnieren wir über die großen Unterschiede zwischen der baskischen Sprache und dem Spanischen. So heißt San Sebastian auf Baskisch Donostia. Das ehemalige Spielkasino in San Sebastián heißt übrigens sehr deutsch „Kursaal“.

Die Fortsetzung dieser spannenden Lesegeschichte folgt in den nächsten MS-life Newslettern.

Bild: Hund und Frauchen auf „ihrem“ Jakobsweg.

(Text und Bild Susanne S.)

 

 

 

 

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