MS News

Kinderwunsch und MS

19.10.2015

Das Geburtenregister bietet Hilfestellungen für MS-Patienten und unterstützt  die Forschung

Die Diagnose MS trifft viele in einem Lebensabschnitt, in dem Themen wie berufliche Verwirklichung oder Familienplanung im Vordergrund stehen. Der Peak der Diagnose liegt heute zwischen 20 – 40 Jahren. Daher ist das Thema Familiengründung und Kinderwunsch für viele MS-Patienten ein wichtiges Thema. Hat man noch vor etwa 20 Jahren Patientinnen mit MS eher von einer Schwangerschaft abgeraten, so hat sich die Meinung der Experten durch besseres Verständnis der Krankheit und Beobachtungen in Studien geändert. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass MS keine klassische erbliche Erkrankung ist, stellt die Diagnose an sich kein Hindernis für eine Schwangerschaft dar. Außerdem haben Studien gezeigt, dass eine Schwangerschaft durchaus eine schützende Wirkung in Bezug auf das Schubrisiko der werdenden Mutter hat. Die Schubrate sinkt statistisch gesehen während der Schwangerschaft, dies hat eine Studie aus den 1990er Jahren belegt. Schwangerschaften von MS-Betroffenen verlaufen in der Regel nicht anders als Schwangerschaften normalerweise verlaufen.

Warum es schwierig ist, Daten zur Sicherheit von MS-Medikamenten in der Schwangerschaft zu erheben

Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit von MS-Medikamenten in der Schwangerschaft fehlen auf Grund von komplexen ethischen und medizinrechtlichen Gesichtspunkten. Sind schwangere Frauen nicht zur Gruppe vulnerabler Personen zu zählen, denen eine Teilnahme an wissenschaftlichen Studien nicht zugemutet werden kann? Ist nicht auch der Embryo beziehungsweise Fötus Proband, der sein Einverständnis aber nicht geben kann?

Daten, die in präklinischen Untersuchungen mit Tieren erhoben wurden, können nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen werden. Die Sicherheit von MS-Medikamenten in der Schwangerschaft und Stillzeit zu klären, wäre jedoch für betroffene MS-Patientinnen mit hoher Schubaktivität von großer Bedeutung.

Ein europaweit einzigartiges Projekt, das „DMSKW-Register: MS und Kinderwunsch“, unter der Leitung von PD Dr. med. Kerstin Hellwig (siehe Interview in dieser Newsletter-Ausgabe) beschäftigt sich damit, Daten hinsichtlich der Sicherheit unterschiedlicher MS-Therapien in der Schwangerschaft zu erheben. Zudem bietet das Register allen MS-Patientinnen, die einen Kinderwunsch haben, eine Schwangerschaft planen oder bereits schwanger sind, eine fundierte Anlaufstelle zum Thema „Kinderwunsch und MS“. Ins Leben gerufen wurde das Projekt im Jahr 2006 durch Dr. Hellwig an der Ruhr-Universität in Bochum. Bislang wurden etwa 400 Schwangerschaften von Frauen mit MS begleitet und dokumentiert.

Unter www.ms-und-kinderwunsch.de findet man detaillierte Informationen zum Projekt, das zum Ziel hat, so viele Daten wie möglich bezüglich der Schwangerschaft sowie zum Gesundheitszustand des ungeborenen Kindes oder des Kindes in den ersten Lebensjahren zu sammeln und bereitzustellen. Dabei werden sowohl Daten von Schwangerschaften von MS-Patientinnen ohne eine Dauermedikation und von solchen, die während der Therapie schwanger geworden sind, erhoben. Sind genügend Daten zusammengetragen, werden die Resultate in einschlägigen Fachzeitschriften veröffentlicht und stehen somit kommenden Generationen zur Verfügung.

Erst vor kurzem wurde eine Studie des DMSKW-Registers im Fachjournal „Multiple Sclerosis Journal“ veröffentlicht. Darin wurden Schwangerschaftsverlauf und Gesundheitszustand des Kindes bei 267 Patientinnen mit einer schubförmig-verlaufenden MS in Verbindung gesetzt und analysiert. 101 Patientinnen erhielten im ersten Trimester der Schwangerschaft mindestens eine Infusion mit Natalizumab. Als Vergleichsgruppen wurden retrospektive Daten von MS-Patientinnen erhoben, die zwischen 1997 und 2013 mit anderen MS-Medikamenten (disease-matched group = DM group, 78 Patientinnen) behandelt wurden und Daten von gesunden Probandinnen (healthy control group=HC group, 97 Patientinnen).

Zusammenfassend konnte die Studie zeigen, dass scheinbar kein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten oder negative Auswirkungen durch eine Natalizumab-Behandlung im ersten Trimester der Schwangerschaft im Vergleich zu der DM-Gruppe besteht. Bei dieser Studie handelt es sich um eine „kleine Studie“ mit einer sehr begrenzten Teilnehmerzahl und Aussagekraft. Daher sind die Ergebnisse als Momentaufnahme zu sehen und bedürfen der Bestätigung durch weitere Studien mit größerem Patientenkollektiv.

Referenzen:

http://www.ms-und-kinderwunsch.de/

Pregnancy and fetal outcomes following natalizumab exposure in pregnancy. A prospective, controlled observational study., Ebrahimi N., Herbstritt S., Gold R., Amezcua L., Koren G & Hellwig Mult Scler. 2015 Feb;21(2):198-205 K.

 

 

 

 

 

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