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Kognitionsverlust bei Multipler Sklerose: KEIN unsichtbares Symptom

28.09.2018

© Peter Weihs

Plötzliche Konzentrationsschwierigkeiten oder Erinnerungslücken – viele MS-Patienten sind durch einen Verlust der kognitiven Fähigkeiten in ihrem privaten wie beruflichen Alltag eingeschränkt. Dieses Symptom ist oftmals von Beginn an präsent – wird aber nicht immer sofort erkannt und einer MS-Erkrankung zugeordnet. Um mehr über Kognitionsstörungen und einen möglichen Umgang damit zu erfahren, haben wir mit der Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Iris-Katharina Penner vom Zentrum für Angewandte Neurokognition und Neuropsychologische Forschung Düsseldorf gesprochen.

Was versteht man unter Kognition?

Kognition ist ein weitreichender Begriff und leitet sich zunächst aus dem lateinischem 'cognoscere' ab, das heißt übersetzt ‚zu erkennen‘ oder ‚zu wissen‘. Kognition ist die Fähigkeit, Informationen und Signale aus der Umwelt geistig wahrzunehmen und zu verarbeiten. Grundlegend handelt es sich um Wissen, welches erworben wird – durch individuelle Erfahrungen und subjektive Eigenschaften. Anhand dieser Informationen und dieses Wissens ist es uns möglich, mit der Umwelt und unseren Mitmenschen zu interagieren, Dinge zu bewerten und zu interpretieren.

Die Kognition umfasst verschiedene kognitive Prozesse, dazu gehören: Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Sprache, logisches Denken, Entscheidungsfähigkeit, Kreativität und einiges mehr. Das sind die Teile, die unsere intellektuelle Entwicklung und Erfahrung bilden. Bei einem gesunden Menschen geschieht diese kognitive Leistung in einer hohen Geschwindigkeit und Qualität.

Bei einem MS-Patienten laufen diese kognitiven Fähigkeiten nicht mehr so schnell ab, die Prozesse verlangsamen sich, sodass für ein qualitativ gutes Ergebnis mehr Zeit benötigt wird. Es kommt zum Beispiel zu Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis, zu Lernschwierigkeiten und Konzentrationsstörungen, auch das Multitasking-Arbeiten ist oftmals nicht mehr so möglich. Das schränkt die Betroffenen in ihrem Alltag und in der Lebensqualität natürlich ein. Es nimmt einem auch irgendwie ein großes Stück Selbstständigkeit und Freiheit. Von Kognitionsstörungen oder Kognitionsverlust sind sehr viele MS-Erkrankte betroffen. Da dieses Symptom sich facettenreich äußert, ist es nicht einfach, es sofort zu erkennen und wird häufig erst spät diagnostiziert, weil neurologischerseits immer noch primär auf die körperliche Behinderung fokussiert wird.

Woran erkenne ich, ob Aufmerksamkeitsfehler der MS geschuldet sind oder zu allgemein menschlichen Fehlern zählen, wie sie vielleicht auch jedem Nicht-Betroffenen passieren?

Jeder vergisst ab und an mal etwas, wenn man zum Beispiel im Stress ist oder unter psychischer Belastung steht. Man müsste mögliche kognitive Beeinträchtigungen längere Zeit beobachten, um einschätzen zu können, ob diese MS-bedingt sein könnten. Welche Störung kommt vor, wie häufig, werden es mehr Beeinträchtigungen und so weiter. MS-Betroffene könnten dies dokumentieren und bei ihrem behandelnden Arzt konsequent ansprechen. Es ist auf jeden Fall nicht selten, dass kognitive Probleme schon zu Beginn einer MS-Erkrankung auftauchen, sozusagen als Erst-Symptome.

Zur objektiven Beurteilung: Es gibt verschiedene und anerkannte Testverfahren, mit denen man bei MS-Patienten die kognitiven Fähigkeiten und Gehirnleistungen auf Abweichungen prüfen kann. Bei uns im Institut testen wir MS-Betroffene und erstellen auch medizinische Gutachten.
Allerdings sind diese Tests in ihrer Komplettheit noch keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen und Privatversicherer. Es reicht einfach nicht aus, nur einen kleinen Screeningtest zu machen, um eine genaue Vorstellung vom kognitiven Profil eines Menschen zu bekommen. Das macht den diagnostischen Prozess sehr schwierig.

Wie erkläre ich kognitive Einschränkungen meinem Umfeld?

Wir erleben häufig, dass MS-Betroffene und gerade junge Menschen mit MS beziehungsweise mit einer ‚frischen‘ Diagnose sich nicht trauen, über die Erkrankung und die Symptome offen zu sprechen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum Beispiel: Angst, dass man im Freundeskreis oder bei Arbeitskollegen nicht mehr akzeptiert wird; Angst vor einer Kündigung, vor negativen Konsequenzen einfach. Denn viele Betroffene müssen sich ja erst einmal selbst mit ihrer Erkrankung beschäftigen, sie akzeptieren und haben dann nicht mehr die Kraft, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Über kurz oder lang sollten Betroffene einen Weg finden, wie sie es ihrer Umwelt mitteilen. Vielleicht hilft es, sich erstmal engen Freunden anzuvertrauen oder aber zunächst über seine Ängste mit dem behandelnden Facharzt oder einem Psychologen zu sprechen.  

Was verstärkt kognitive Einschränkungen? Und wie kann ich meine Kognition positiv beeinflussen?

Negative Faktoren wie Angst, Depression, Trauerprozesse, Fatigue, Schlafstörungen, Stress, seelische Belastungen oder zu wenig Bewegung können die kognitiven Fähigkeiten weiter einschränken. Daher empfehle ich MS-Betroffenen, diese Faktoren mit positiven Dingen zu beeinflussen und gegenzusteuern. Wichtig ist, weiter neugierig auf den Alltag zu sein und Neues auszuprobieren: Ausdauertraining ist unter anderem gut für den Körper, trainiert aber auch das Gehirn, das belegen verschiedene Studien. Auch wichtig, wie ich finde, ist zu versuchen, offen zu sein für neue soziale Kontakte – und sich einfach ehrlich fragen, was tut mir gut, was kann und möchte ich selbst tun, was macht mir auch Spaß?     

Was kann ich präventiv tun, um mit MS geistig fit zu bleiben?

Es gibt viele verschiedene Dinge, die man selbst tun kann, um sich etwas Gutes zu tun, um seinen Körper und seine kognitiven Fähigkeiten zu trainieren. Vielen hilft Yoga und Meditation, um wieder zu lernen, mit sich selbst in Einklang zu kommen. Autogenes Training ist auch eine Möglichkeit. Sport, gerade Ausdauersportarten, damit man sich auspowern kann, Stress wird dabei abgebaut, Glückshormone werden freigesetzt. Und warum nicht mal eine neue Sprache lernen oder sich ein künstlerisches, kreatives Hobby suchen?
Ebenfalls bedeutend: eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Gerade die mediterrane Kost ist zu empfehlen, wenig rotes Fleisch, eher Fisch und öfter mal vegetarisch. Also warum nicht mal an einem Kochkurs mit Freunden oder dem Partner teilnehmen? MS-Betroffene sollten auch darauf achten, ausreichend mit Vitamin-D versorgt zu sein. Mein Tipp: In den warmen Monaten täglich raus an die frische Luft, um das Sonnenvitamin zu tanken. Einen Mangel kann ein Arzt feststellen. Bei Vitamin-D-Mangel sollte über eine mögliche Nahrungsergänzung gesprochen werden.

 

Prof. Dr. Iris-Katharina Penner ist Diplom-Psychologin und Neurowissenschaftlerin an der neurologischen Klinik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
2015 gründete sie in Düsseldorf das Zentrum für Angewandte Neurokognition und Neuropsychologische Forschung „COGITO“. Es handelt sich um ein neurokognitives Kompetenzzentrum, in dem Forschung und Entwicklung, Diagnostik, kognitive Interventionen und Beratungen durchgeführt werden. (https://www.cogito-center.com/)