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Kommunikation in der Partnerschaft: der Liebe eine Chance geben

28.02.2018

In einer Partnerschaft spielen nicht nur Liebe, gegenseitiger Respekt und geistige Verbundenheit eine wichtige Rolle – sondern auch die Sexualität. Dr. Claudia Hartmann, Sexualtherapeutin, erklärt, mit welchen Herausforderungen MS-Betroffene in der Paarbeziehung oft zu kämpfen haben …

In einer Partnerschaft spielen nicht nur Liebe, gegenseitiger Respekt und Vertrauen sowie geistige Verbundenheit eine wichtige Rolle – sondern auch die Sexualität. Dr. Claudia Hartmann, Sexualtherapeutin, erklärt, mit welchen Herausforderungen MS-Betroffene in der Paarbeziehung oft zu kämpfen haben…

Mit welchen Herausforderungen haben chronisch Kranke wie MS-Patienten zu kämpfen?

Grundsätzlich haben chronisch Kranke viele Herausforderungen im seelischen und körperlichen Bereich zu meistern. Sie sind durch ihre Erkrankung sowie durch die unterschiedlichen Symptome verunsichert, sie trauen ihrem Körper nicht mehr und schämen sich. Es entstehen so viele Einflüsse und Abhängigkeiten, denen man ausgeliefert ist. Das verursacht häufig ein Gefühl von Ohnmacht. Das ist für alle Menschen, nicht nur für chronisch Kranke, eine Zumutung. Denn wer möchte nicht die Kontrolle über sein Leben und seine Sexualität haben? Wenn man in so einer Situation seinen eigenen Körper nicht mehr als Verbündeten sieht, ist es schwierig, sich auf seine Sexualität, Liebe und Partnerschaft zu konzentrieren.

MS-Betroffene können sich – wegen der Unberechenbarkeit des Krankheitsverlaufs − nicht auf eine normale und gesunde Funktion ihres Körpers verlassen. Die Schübe brechen wie ein Gewitter herein. Man weiß nie, wann sie kommen. Ist der Patient noch jung, kann es sein, dass die Erkrankung das Verunsicherungspotenzial noch erhöht, das man in diesem Alter ohnehin schon verspürt aufgrund der mangelnden Lebenserfahrung und sexuellen Unerfahrenheit.

Dazu kommt, dass MS-Betroffene oft unter verschiedenen körperlichen Symptomen leiden, wie gestörte Sensibilität, was zu Erregungsstörungen führen kann. Das heißt, das Lustempfinden ist gestört. Oder aber aufgrund anderer Symptome − wie zum Beispiel einer gestörten Blasenfunktion – kann es zu Urinverlust kommen. Auch das kann das Verlangen nach intimen Situationen und Sex beeinträchtigen. Aufgrund dieser Symptome beispielsweise und eines wachsenden Schamgefühls kommt es dann oft zur sexuellen Frustration. Der Betroffene verspürt weniger Lust, es folgen womöglich Konflikte in der Partnerschaft, negative Gefühle verstärken sich, noch mehr Schamgefühl ist die Folge. Der MS-Betroffene und sein Partner befinden sich dann in einem Teufelskreis.

Was sollten Betroffene tun?

Den Teufelskreis durchbrechen, indem man zum Beispiel über die Gefühle wie Scham und Ausgeliefertsein sowie über die Schwierigkeiten hinsichtlich der Erregbarkeit mit dem Partner spricht. Diese Offenheit vermittelt dem Partner Vertrauen und Wertschätzung. Hilfreich kann auch eine Paartherapie sein.
Je transparenter und ehrlicher die Kommunikation ist, desto besser kann sich auch der Partner auf die Situation einstellen. Das heißt auch, ehrlich über die Probleme, die die Erkrankung mit sich bringt, zu sprechen, zu sagen, was einen belastet. Meistens weiß das der gesunde Partner nicht. Oft ist das schamauslösende Symptom, wie zum Beispiel die Blasenschwäche mit Urinverlust in der intimen Situation, für den Partner weniger belastend, als der Kranke vermutet.

Bei körperlichen Symptomen ist es wichtig, den Dialog mit den Fachärzten zu führen, um diese Störungen zu beheben. Auch ist der Austausch mit anderen Betroffenen wichtig. Man ist schließlich nicht allein. Wichtig ist, zu erkennen, dass die MS-Erkrankung nicht den Weg verschließt, einen Partner zu finden oder in einer glücklichen Beziehung leben zu können. Nur der Weg dahin ist natürlich individuell – kann aber auch gemeistert werden.

Warum ist Sexualität so wichtig?

Es ist ein natürlicher Trieb, die Sexualität gehört zur menschlichen Natur. Aber nicht nur aufgrund des Fortpflanzungswillens. Denn körperliche Nähe, der Austausch von Zärtlichkeiten, Sex und
auch Orgasmen sind wichtig für uns. Das fördert die zwischenmenschliche Bindung, sorgt für Verbundenheit und Vertrauen. Es werden Glückshormone ausgeschüttet, wir entspannen, fühlen uns attraktiv und geschätzt, zudem geborgen und geliebt. Das wollen wir alle, ob gesund oder chronisch krank.
Eine gute Sexualität stärkt zudem unser Immunsystem, gibt uns Vitalität und sorgt für Wohlbefinden. Es ist ein Gegengift gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins. Es motiviert und stärkt, sorgt für mehr Selbstbewusstsein.

Ich bin verliebt: Wann und wie sag ich es meiner neuen Liebe?

Entscheidend und hilfreich: sich zunächst selbst nicht als MS-Kranken zu definieren, sich als ganze Person zu sehen mit vielen tollen Eigenschaften. Es ist nicht die MS, die mich ausmacht, es nur ein Teil, aber nicht das Ganze. Die Erkrankung sollte also nicht in den Vordergrund gestellt werden.
Beim ersten Date: selbstbewusst und positiv auftreten. Individuell schauen, wann über die MS-Erkrankung gesprochen werden kann.

Was bedeutet MS für mich, meinen Partner und uns als Paar? Und ist mein neuer Partner der Situation gewachsen?

Wichtig ist, sich nicht auf die Krankheit zu reduzieren. Mein Ratschlag: Versuchen, immer den Blick auf den Menschen zu bewahren, achtsam zu sein mit sich und dem anderen, sich mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen. Ein respektvolles und vertrauensvolles Miteinander ist das Fundament. Und: Jeder Mensch braucht auch Unterstützung. Daher: Die Hilfe des anderen ruhig zulassen.
Ob eine Partnerschaft oder der Partner belastbar ist, ist natürlich nicht vorauszusehen. Das stellt sich im Laufe der Partnerschaft erst heraus.

Ich habe Angst, meinen Partner zu verlieren, was soll ich gegen meine Ängste tun?

Ein Stück Angst gehört immer dazu, kommt immer mal vor. Aber: Welche Möglichkeiten habe ich, um meinen Blick auf mich zu korrigieren? Welche guten Eigenschaften habe ich? Sich das ins Gedächtnis zu rufen, stärkt. Das positive Denken lässt sich auch trainieren.

 

Zu unserer Expertin
Dr. Claudia Hartmann ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, ärztliche Psychotherapeutin und hat lange MS-Patienten betreut. Seit 5 Jahren ist sie am Sexualmedizinischen Kompetenzzentrum (SMK) in Hannover als Sexualtherapeutin und Sexualmedizinerin tätig.

Mehr Infos unter: www.smk-hannover.de

 

 

Gut zu wissen
Eine Studie*, die speziell Lifestyle-Faktoren einbezieht, zeigt sehr eindeutig, dass insbesondere bei der Behandlung von Sexualstörungen ein umfassender, ganzheitlicher Ansatz von großer Bedeutung ist. Die Autoren sehen in gesunder Ernährung und körperlicher Aktivität eine Möglichkeit, der Krankheit entgegenzuwirken, und regen eine intensivere Thematisierung dieser Zusammenhänge an.

 

* Marck et al. BMC Neurol 2016;16(1):210

 

 

 

 

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