MS News

MS hat viele Gesichter

26.06.2017

Der Verlauf einer MS kann von Patient zu Patient sehr verschieden sein. Dennoch sind Gemeinsamkeiten festzustellen, die eine Klassifizierung der MS in verschiedene Verlaufsformen zulässt. Die Möglichkeit der Differenzierung ist dafür entscheidend, welche Therapie für die Betroffenen am besten geeignet ist.

Nach der Leitlinie „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) lassen sich verschiedene Verlaufsstadien der MS medizinisch klassifizieren. Als Basis dafür dient jeweils die Feststellung einer schubartigen Verschlechterung. Ein Schub ist nach derzeitigem Verständnis als eine neurologische Verschlechterung des Befindens definiert, die mindestens 24 Stunden anhält und eindeutig nicht durch Fieber, Infekte, psychische Belastungen oder spezielle Medikamente, z.B. Muskelrelaxantien (siehe Faktenbox), ausgelöst wurde. Als Anfangsstadium bzw. erstes Anzeichen für eine MS ist das klinisch isolierte Syndrom (KIS) beschrieben. In diesem Stadium liegt oft nur ein einzelnes neurologisches Symptom vor, z.B. eine Sehnerventzündung, welches ein Indiz für das Vorliegen einer MS-Erkrankung sein könnte. Auch wenn die Diagnose MS bei einem KIS noch nicht gesichert ist, tritt bei 30% der betroffenen Patienten innerhalb eines Jahres ein zweiter Schub auf. Personen mit KIS tragen also ein erhöhtes Risiko, eine der drei folgenden MS-Verlaufsformen (siehe Faktenbox) zu entwickeln.

Die sogenannte schubförmig-remittierende MS (relapsing-remitting MS, RRMS) ist eine dieser drei Stadien, von der anfangs über 80% der Patienten betroffen sind. Gefühlsstörungen in den Beinen mit deutlich verminderter Mobilität, Sensibilitätsstörungen aber auch eine einseitige Entzündung des Sehnervs mit damit verbundener Sehverschlechterung sind erste Symptome für diese Verlaufsform; sie setzen unerwartet und oft ohne erkennbare Ursachen ein. Die Schubdauer liegt je nach Patient in der Regel zwischen vier bis sechs Wochen. In den meisten Fällen gehen die Beschwerden danach teilweise oder vollständig zurück (Remission) und die Patienten bleiben bis zum nächsten Schub oft beschwerdefrei. Die Dauer eines Schubes kann durch eine frühzeitige Kortison-Stoßtherapie verkürzt werden. Bis zum Auftreten eines erneuten Schubs können Wochen, Monate und Jahre liegen.

Eine weitere, der RRMS sehr ähnliche Verlaufsform ist die sekundär-progrediente (voranschreitende) MS (SPMS). Auch hier schreitet die Erkrankung schubartig voran, jedoch mit dem Unterschied, dass sich die neurologischen Symptome stetig und auch Schub-unabhängig verschlechtern. Statistische Daten zeigen, dass etwa 50% der Patienten der RRMS-Form nach durchschnittlich 10 Jahren eine SPMS entwickeln. Der Zeitpunkt, ab wann sich die Symptome nicht mehr zurückbilden, kann nicht vorhergesagt werden. MS-Therapeutika, die das Immunsystem beeinflussen, können diesen Zeitpunkt unter Umständen hinauszögern.

Demgegenüber ist die primär-progrediente MS (PPMS) durch ein Voranschreiten der neurologischen Symptome von Krankheitsbeginn an gekennzeichnet, ohne dass sich einzelne Schübe voneinander medizinisch abgrenzen lassen. Kurz: Die Behinderung nimmt bei dieser Verlaufsform konstant zu. Ein typisches Symptom ist insbesondere die Lähmung beider Beine mit einer erhöhten Muskelanspannung, die auf eine nachweisbare Rückenmarksentzündung zurückgeht. Etwa 10 bis 15% der Patienten, meist ab dem 40. Lebensjahr, sind von dieser schwerwiegenden Verlaufsform betroffen.

 

Exkurs: Ein Comic für mehr Verständnis und einen lockeren Umgang mit MS

MS-Patientin, Grafikerin und Künstlerin Jennie Bödeker aus dem hessischen Reinheim hat u.a. die MS-Verlaufsformen auf sehr kreative Art und Weise verarbeitet. Nach ihrer MS-Diagnose stellte sie fest, dass gutes, ansprechendes Infomaterial nur spärlich zu finden war. „Aber als direkt Betroffene quält man sich trotzdem durch jeden Text und jede Broschüre, um mehr über die Krankheit zu erfahren. Es ist halt ein schweres Thema, mit dem sich niemand gerne beschäftigt (erst recht nicht in Form von drögen Texten)“, so Bödeker. Herausgekommen ist der Erklärcomic „Leben mit MS – deiner ständigen Begleiterin“. In humorvoller und anschaulicher Art beschreibt sie alle relevanten Fakten und Begriffe rund um die MS. Sie zeigt darin offen und ehrlich was es bedeutet, die Krankheit sprichwörtlich als „Mieses Stinktier am Hals zu haben“, ohne dabei zu dramatisieren, zu beschönigen oder zu verharmlosen. Und natürlich darf auch an der einen oder anderen Stelle geschmunzelt oder gelacht werden. Sie hofft, durch ihren Cartoon nicht nur Betroffene anzusprechen, sondern insgesamt mehr Verständnis für die Erkrankung wecken zu können und darüber aufzuklären - denn: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Hier ein Auszug aus dem aktuellen Werk der Künstlerin zu den MS-Verlaufsformen:

 

Aufgrund der individuell sehr verschiedenen Verlaufsformen, ist eine Prognose über den zukünftigen Krankheitsverlauf fast nicht zu stellen. Allenfalls tendenzielle Abschätzungen sind je nach auftretender Schwere eines Schubs möglich. Prinzipiell führt MS nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen. Aber auch hier gilt, dass nicht vorhergesagt werden kann, wann im Krankheitsverlauf mit Behinderungen oder Folgeerkrankungen zu rechnen ist. Jedoch zeigen die langjährigen Erfahrungen aus dem medizinischen Alltag, dass durch eine gute therapeutische Betreuung Symptomfreiheit durchaus möglich sein kann. Die zur Verfügung stehenden Medikamente heilen zwar nicht die Erkrankung, verlangsamen aber deren Verlauf oder führen gänzlich zum Stillstand der MS. Die Lebenserwartung ist heutzutage durch eine gute Langzeit- und Schubtherapie kaum noch eingeschränkt.

Faktenbox:

Muskelrelaxantien sind spezielle chemische Substanzen, die zu einer vorübergehenden Entspannung der Muskulatur führen. Sie werden als Arzneimittel u.a. für Narkosen im Rahmen von Operationen verwendet.

Remission bezeichnet medizinisch eine vorübergehende oder dauerhafte Abschwächung der Symptome bei Erkrankungen, ohne dass eine Heilung erreicht wird. Die Bezeichnung remittierend beschreibt in der medizinischen Fachsprache "zeitweilig aussetzend" bzw. "zurückgehend".

Der Begriff Progression beschreibt das Voranschreiten einer Erkrankung. Die Bezeichnung progredient beschreibt eine Erkrankung medizinisch als "fortschreitend", d.h. einen zunehmend schweren Verlauf.

Grafik MS-Verlaufsformen:

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

Leitlinie „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose“, Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN); http://www.dgn.org/leitlinien/2333-ll-31-2012-diagnose-und-therapie-der-multiplen-sklerose (Zugriff: 10.02.2017)

„Verlauf und Prognose der MS“, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter (AMSEL),
http://www.amsel.de/multiple-sklerose/wasistms/verlauf (Zugriff: 10.02.2017)

„Was ist Multiple Sklerose“, Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG),
https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/was-ist-ms/#c906  (Zugriff: 10.02.2017)

 

 

 

 

 

ALL-GER-0782