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MS-Risikogene entdeckt

22.08.2016

MS ist eine multifaktorielle Erkrankung, die nach aktuellem Wissensstand unter anderem auf das Zusammenwirken von genetischen Aspekten und der Umwelt zurückzuführen ist. Doch kann die Umwelt einen Einfluss auf die Gene eines Menschen nehmen? Und welche Gene sind an der Entstehung der MS beteiligt? Eine aktuelle Studie liefert erste Hinweise.

Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, vier neue Risikogene für die MS nachzuweisen. Dies gelang unter anderem dadurch, dass die Wissenschaftler eine neue Strategie verfolgten. Im Unterschied zu vorausgegangenen Studien, die in dieser Größe normalerweise international ausgerichtet sind, war die aktuelle Untersuchung national begrenzt. Die Berücksichtigung einer rein deutschen Kohorte gewährleistet im Vergleich zu international angelegten Studien eine relativ geringere genetische Vielfalt (Heterogenität), so dass Unterschiede zwischen MS-Patienten und gesunden Probanden in dieser Kohorte mitunter stärker ins Gewicht fallen. Auf diesem Wege konnten die Wissenschaftler neben den vier neu entdeckten Genen eine Reihe weiterer Risikogene, die bisher für die Entstehung einer MS unter Verdacht standen, belegen.

Das Erbgut eines Menschen beinhaltet etwa 20.000 Gene. Diese sind allerdings nicht alle zur gleichen Zeit aktiv. Beispielsweise werden einige Gene fast ausschließlich in der Entwicklung im Mutterleib, wiederum andere nur beim erwachsenen Menschen benötigt. Dass es zu dieser zeitlich begrenzten Genaktivität kommt, vermitteln sogenannte epigenetische Mechanismen (siehe Faktenbox). Man versteht darunter die Markierung des Erbguts an bestimmten Stellen, wodurch sichtbar gemacht wird, welche Gene abgelesen werden sollen und welche nicht. Vereinfacht gesagt: Durch diese Markierungen können einzelne Gene „gesteuert“ werden.

Die von den Forschern entdeckten Gene gehören in die Gruppe der epigenetischen Kontrollgene. Die Wissenschaftler konnten eben diese als neue Risikogene für die Entstehung einer MS belegen. Die Entdeckung dieser Risikogene erweitert umfassend das Verständnis zur Entstehung der Erkrankung, da die Studienergebnisse die Möglichkeit der direkten Interaktion zwischen Umwelt und Erbgut zeigen. „Da das Risiko, an MS zu erkranken, nur in begrenztem Maße erblich ist, sind auch Umweltfaktoren als Krankheitsursache entscheidend. Diese können über epigenetische Mechanismen die Aktivität von MS-relevanten Genen verändern. Wir haben nun Hinweise darauf gefunden, dass die Regulation der Methylierung (siehe Faktenbox) eine Schnittstelle sein könnte, an der genetische und umweltbedingte Risikofaktoren für MS ineinander greifen“, so Prof. Dr. Bertram Müller-Myhsok, Leiter der Forschungsgruppe für statistische Genetik am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in einem Interview.

Durch die Erweiterung des grundlegenden Wissens rund um MS könnte es in Zukunft theoretisch möglich sein, bei entsprechender genetischer Vorbelastung präventive Maßnahmen zu ergreifen. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg, da der genaue Einfluss der Umwelt auf bestimmte Gene zunächst näher untersucht werden muss.

 

Faktenbox:

Der Begriff Epigenetik beschreibt eine Fachrichtung in der Biologie. Unter Epigenetik versteht man bestimmte Veränderungen am Erbgut, die eine zeitlich begrenzte Ablesung bestimmter Gene ergeben. Epigenetische Markierungen, die entweder entwicklungsabhängig oder umweltbedingt auf der DNA gesetzt werden, sind zum Beispiel Methylierungen, Acetylierungen oder Histonmodifikationen.

Methylierung ist eine epigenetische Markierung, bei der bestimmten Aminosäuren in der DNA (Desoxyribonukleinsäure) ein Methylrest (chemisch = CH3) zugefügt wird. Der Methylrest dient beim Ablesen des Erbgutes entweder als „Startposition“ oder bewirkt, dass manche Gene eben nicht abgelesen werden.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

The International Multiple Sclerosis Genetics Conssortium (IMSGC), IL12A, MPHOSPH9/CDK2AP1 and RGS1 are novel multiple sclerosis susceptibility loci Genes and Immunity (2010) 11, http://www.nature.com/gene/journal/v11/n5/full/gene201028a.html (Stand 30.06.2016)

T. F. M. Andlauer, D. Buck, G. Antony, A. Bayas, L. Bechmann, A. Berthele, A. C., C. Gasperi, R. Gold, C. Graetz, J. Haas, M. Hecker, C. Infante-Duarte, M. Knop, T. Kümpfel, V. Limmroth, R.  A. Linker, V. Loleit, F. Luessi, S. G. Meuth, M. Mühlau, S. Nischwitz, F. Paul, M. Pütz, T. Ruck, A. Salmen, M. Stangel, J.-P. Stellmann, K. H. Stürner, B. Tackenberg, F. Then Bergh, H. Tumani, C. Warnke, F. Weber, H. Wiendl, B. Wildemann, U. K. Zettl, U. Ziemann, F. Zipp, J. Arloth, P. Weber, M. Radivojkov-Blagojevic, M. O. Scheinhardt, T. Dankowski, T. Bettecken, P. Lichtner, D. Czamara, T. Carrillo-Roa, E. B. Binder, K. Berger, L. Bertram, A. Franke, C. Gieger, S. Herms, G. Homuth, M. Ising, K.-H. Jöckel, T. Kacprowski, S. Kloiber, M. Laudes, W. Lieb, C. M. Lill, S. Lucae, T. Meitinger, S. Moebus, M. Müller-Nurasyid, M. M. Nöthen, A. Petersmann, R. Rawal, U. Schminke, K. Strauch, H. Völzke, M. Waldenberger, J. Wellmann, E. Porcu, A. Mulas, M. Pitzalis, C. Sidore, I. Zara, F. Cucca, M. Zoledziewska, A. Ziegler, B. Hemmer, B. Müller-Myhsok, Novel multiple sclerosis susceptibility loci implicated in epigenetic regulation

http://advances.sciencemag.org/content/2/6/e1501678.full.pdf+html (Stand 30.06.2016)

https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/ms-forschung/der-dmsg-bundesverband-fragt-nach-bisher-groesste-genetische-studie-in-deutschland-entdeckt-vier-ne/ (Stand 30.06.2016)

http://www.kompetenznetz-multiplesklerose.de/de/presse/316-vier-neue-risikogene (Stand 30.06.2016)

 

 

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