MS News

Myelinreparatur bald möglich?

24.07.2017

Derzeitige MS-Therapien können zwar den Verlauf einer Erkrankung beeinflussen, aber die bereits entstandenen Schäden am Nervensystem nicht beheben. Wissenschaftler der Queen`s University Belfast haben erst kürzlich bestimmte Immunzellen entdeckt, denen eine Schlüsselrolle bei den Reparaturvorgängen des Nervensystems im Gehirn zukommt und damit einen neuen Therapieansatz eröffnen könnte.

Im Laufe der MS-Erkrankung treten oftmals neurologische Ausfallerscheinungen auf, die ursächlich auf eine krankheitsbedingt nicht wieder herstellbare Schädigung des Nervensystems, speziell der Myelinschicht (siehe Faktenbox), zurückzuführen ist. Die Myelinschicht ist vergleichbar mit der Isolierung eines elektrischen Kabels und dient dem Schutz einer störungsfreien Reizübertragung in Form elektrischer Signale. Dieser Schutz wird während der Erkrankung dadurch gestört, indem körpereigene Immunzellen von MS-Betroffenen im Zuge einer Abwehrreaktion fälschlicherweise das Myelin nachhaltig beschädigen und schließlich zu den bekannten Beschwerden wie Sehstörungen, Gefühlsstörungen oder Lähmungserscheinungen führen. Die bisherigen MS-Therapien zielen momentan ausschließlich darauf ab, die Krankheitsschübe so weit wie möglich zu verringern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Aber schon lange wird in der Wissenschaft auch nach Möglichkeiten gesucht, das geschädigte Nervengewebe zu reparieren.

Wissenschaftler der Queen`s University Belfast haben vor kurzem in der international renommierten Fachzeitschrift Nature Neuroscience eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass ganz bestimmte Immunzellen das Potential besitzen, eine Myelinschädigung zu reparieren. Die Forscher fanden im Tierversuch heraus, dass sogenannte regulatorische T-Zellen (siehe Faktenbox) ein Signalprotein, CCN3 genannt, abgeben, das wiederum im Gehirn angesiedelte Stammzellen (siehe Faktenbox) aktiviert, die sich daraufhin zu Oligodendrozyten (siehe Faktenbox) entwickeln. Oligodendrozyten wiederum kommen ausschließlich im Zentralen Nervensystem (ZNS – siehe Faktenbox) vor und ihre Fortsätze bilden Markscheiden aus Myelin, welche die Axone (Zellfortsätze) der Nervenzellen umhüllen. Bisher bekannt war, dass diese Zellen Schäden am Myelin reparieren können, nicht aber, welche Rolle regulatorische T-Zellen dabei spielen. Bei MS-Erkrankten funktioniert die körpereigene Myelinreparatur nicht, obwohl auch bei ihnen die dafür nötigen Stammzellen in großer Anzahl vorhanden sind. Die aktuellen Ergebnisse beschreiben eine grundlegend neue regenerative Funktion von bestimmten T-Zellen im ZNS, die sich deutlich von der einer Immunregulation unterscheidet. Die Daten bieten möglicherweise eine Basis für einen neuartigen Therapieansatz, der darauf beruhen könnte, die Reparaturleistung durch diese T-Zellen gezielt zu verstärken und im Ergebnis die irreparablen Myelinschäden zu beheben. Dazu Dr. Yvonne Dombrowski, Hauptautorin der aktuellen Studie: „Dieses Wissen ist entscheidend zur Entwicklung von Therapien für neurologische Erkrankungen wie MS, die nicht nur Schübe verringern, sondern Myelinschäden reparieren. Die Kombination beider Ansätze in der Zukunft könnte zu einem besseren Therapierfolg für Patienten führen.“

Die aktuellen Ergebnisse beruhen allerdings bisher noch auf Versuchen mit tierischen Geweben. Weitere Studien sollen nun zeigen, ob sich die neuen Erkenntnisse auch auf den Menschen übertragen lassen.

 

Faktenbox:

Myelin: Eiweißmolekül (Protein), das die Ausläufer der Nervenzellen (Axone) wie die Isolierung eines elektrischen Kabels umgibt. Durch die Ummantelung der Axone mit Myelin (Myelinscheiden) wird eine schnelle Weiterleitung von Nervensignalen gewährleistet.

Als Zentralnervensystem (ZNS) bezeichnet man die im Gehirn und Rückenmark gelegenen Nervenstrukturen, welche die zentrale Reizverarbeitung der aus der Peripherie einlaufenden sensorischen Reize vornehmen. Das ZNS ist der Ort des unbewussten und bewussten Denkens.

Oligodendrozyten: Bestimmte Art von Gliazellen im ZNS, die in der Lage sind, Myelinscheiden zu bilden.

T-Zellen sind spezialisierte Zellen des Immunsystems. Sie gehören den weißen Blutkörperchen (Leukozyten) an und zirkulieren im Blutstrom. Regulatorische T-Zellen sind eine Untergruppe von T-Zellen, die in bestimmten Situationen die Aktivierung des Immunsystems unterdrücken und dadurch beispielsweise das Risiko für die Entstehung von Allergien oder Autoimmunerkrankungen senken.

Stammzellen: Sind eine Art Ursprungszelle, die sich unbegrenzt vermehren und alle Zelltypen des Körpers bilden können, etwa Muskelzellen, Nervenzellen oder Blutzellen. Diese Fähigkeit wird als Pluripotenz bezeichnet. Ein eigenständiger Organismus kann jedoch aus ihnen nicht mehr entstehen.

 

Referenzen:

„Regulatory T cells promote myelin regeneration in the central nervous system.“, Dombrowski Y. et al., Nat Neurosci. 2017; 20(5):674-680 (https://www.nature.com/neuro/journal/v20/n5/full/nn.4528.html)

„Queen’s University researchers make major brain repair discovery in fight against Multiple Sclerosis“, Pressemitteilung Queen`s University Belfast 13.03.2017 (http://www.qub.ac.uk/Connect/News/Allnews/QueensUniversityresearchersmakemajorbrainrepairdiscoveryinfightagainstMultipleSclerosis.html )

 

 

 

 

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