MS News

Neue Hoffnung für MS-Patienten

04.07.2016

Zum Jahrestreffen der AAN (American Academy of Neurology) fanden sich wieder einmal führende Wissenschaftler und Neurologen ein, um sich über die aktuellen Forschungsansätze und geltenden Richtlinien im Bereich der Neurologie auszutauschen. Auch aus der MS-Forschung wurden dieses Jahr wieder spannende und zukunftsweisende Ergebnisse präsentiert.

Die AAN ist der weltweit größte Zusammenschluss von etwa 30.000 Neurologen und Wissenschaftlern. Beim diesjährigen 68. Jahrestreffen der Gesellschaft tauschten sich praktizierende Ärzte ebenso wie Wissenschaftler zu neuen diagnostischen Methoden, neuen Therapieansätzen und neurologischen Forschungsansätzen aus. Einer der interessanten Forschungsansätze zur MS war in diesem Jahr auf Nervenschäden am Sehnerv bezogen. Viele MS-Patienten leiden im Zuge der Erkrankung unter zum Teil dauerhaften Beeinträchtigungen der Sehfähigkeit. Eine Sehstörung tritt oftmals als Erstmanifestation auf und gehört so zu den frühen Symptomen der MS. In vielen Fällen ist eine Sehstörung nur vorrübergehend und macht sich während eines akuten Schubs z. B. durch Einschränkungen des Gesichtsfelds oder unscharfes Sehen bemerkbar. Ursache für die Sehstörungen ist eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis). Diese kommt dadurch zu Stande, dass körpereigene Zellen des Immunsystems die Myelinscheiden des optischen Nervens angreifen (siehe Faktenbox).

Durch wiederkehrende Entzündungen des Sehnervs kann es zu langanhaltenden Schädigungen der Nervenzellfortsätze (Axone) im Sehnerv kommen, was zu teilweise irreversiblen Sehstörungen führen kann (siehe Faktenbox). Neue Forschungsergebnisse, die im Rahmen des diesjährigen Jahrestreffens der AAN präsentiert wurden, machen nun Hoffnung. Die präsentierten Daten deuten darauf hin, dass eine Reparatur von chronisch geschädigten Sehnerven in Zukunft möglich sein könnte. In einer aktuellen Studie des Multiple Sklerose Centers der Universität San Francisco unter der Leitung von Dr. Ari Green wurde der Einfluss eines Antiallergikums (Clemastin Fumarat) auf die Regeneration geschädigter Bereiche des Sehnervs untersucht. Vorausgegangen war bereits eine Studie mit dem Ziel, Wirksubstanzen zu identifizieren, die bereits heute in der Medizin verwendet werden und möglicherweise einen positiven Effekt auf die Neubildung von Myelin haben könnten. Solche Untersuchungen werden von Forschern als Screening (engl. für durchsuchen) bezeichnet und sind durchaus üblich, um zusätzliche Nutzen bereits bekannter Wirksubstanzen zu charakterisieren. Bei dieser Studie stießen die Wissenschaftler auf das Antiallergikum.

Die aktuelle 5-monatige Studie, in der 50 MS-Patienten mit chronischer Optikusneuropathie eingeschlossen waren, konnte eine moderate Verbesserung der Sehfähigkeit bei den Patienten unter Therapie mit Clemastin Fumarat gezeigt werden. In einem standardisierten Test, dem sogenannten optisch evozierten Potenzial (VEP), wurde die Geschwindigkeit der Signalübertragung von den Augen bis zum Gehirn gemessen. Bei einer Schädigung oder Entzündung des Sehnervs ist die Übertragungsgeschwindigkeit in der Regel verlangsamt und kann daher als Maßstab für den Grad der Schädigung verwendet werden. Die Wissenschaftler konnten eine Verbesserung der Signalweiterleitungsgeschwindigkeit von 2 Millisekunden bei den Probanden, die das Medikament erhielten, nachweisen. „Obwohl diese Verbesserung sehr moderat erscheint, ist die Studie jedoch sehr herausragend, da sie doch die erste Studie ist, in der ein Medikament möglicherweise die durch die MS-verursachten Schäden rückgängig machen könnte,“ so Dr. Green in einer Pressemitteilung der AAN. Green wies jedoch auch darauf hin, dass es sich lediglich um eine sehr kleine Studie handelt und in Zukunft weitere Untersuchungen von Nöten sein werden, bevor das Medikament möglicherweise Einzug in die klinische Routine der MS-Behandlung halten könne.

Bitte beachten Sie: Von einer Eigenmedikation mit dem Antihistaminikum ist derzeit nur abzuraten. Durch die Einnahme könnte es unter Umständen zu unerwünschten Wechselwirkungen zwischen Medikamenten kommen. Änderungen in bestehenden Therapien sollten immer mit den behandelnden Ärzten im Vorfeld besprochen werden.

 

Faktenbox:

Myelinscheiden werden von bestimmten Zellen des Gehirns und Rückenmarks, den sogenannten Oligodendrozyten, gebildet. Mit ihren Ausläufern umschließen die Oligodendrozyten die Fortsätze der Nervenzellen, die Axone. Die dadurch gebildete Ummantelung der Axone durch Fortsätze der Oligodendrozyten nennt man Myelinscheide. Die Myelinscheide hat eine ähnliche Funktion wie die Isolierung eines elektrischen Kabels und ermöglicht eine schnelle Weiterleitung von Signalen.

Der optische Nerv (Sehnerv) wird von den Fortsätzen (Axone) der Augensinneszellen gebildet. Die Augensinneszellen nehmen die Information über die Augen aus der Umgebung auf und leiten diese über den optischen Nerv zum Gehirn weiter, wo dann das eigentliche Bild entsteht.

Unter einer Optikusneuropathie versteht man die Schädigung des Sehnervs (Nervus opticus). Ursachen dafür können unter anderem Umweltgifte, aber auch eine MS sein.

Unter einem VEP versteht man visiual evoked potentials, also visuell hervorgerufene Potenziale. Damit sind die vom Gehirn abgeleiteten elektrischen Potenziale gemeint, die sich durch den Eingang eines optischen Reizes ergeben. In der Klinik muss der Patient für gewöhnlich einen Punkt oder ein Kreuz in der Mitte eines Schachbrettmusters auf einem Monitor betrachten. Die visuelle Reizung erfolgt durch das Schachbrettmuster, bei dem die Kontraste in kurzen Abständen umgekehrt werden. Über auf dem Kopf angebrachte Elektroden werden dann die im Gehirn ankommenden Signale aufgezeichnet. Aufgrund des vom Kopf abgeleiteten Signalmusters kann der behandelnde Arzt Rückschlüsse auf eine mögliche Beeinträchtigung des Sehnervs ziehen. Die Untersuchung ist für den Patienten völlig schmerzfrei. Weitere Informationen zur klinischen Durchführung finden Sie auf der Internetseite des Münchner Uni-Klinikums.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

https://www.aan.com/conferences/2016-annual-meeting/about-the-meeting/ ENGLISCH (Stand 09.05.2016)

https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/ms-forschung/multiple-sklerose-koennte-ein-anti-allergikum-schaedigungen-am-sehnerv-reparieren/ (Stand 09.05.2016)

Mei F., Fancy S. P J, Shen Y.-A., Niu J., Zhao C., Presley B., Miao E., Lee S., Mayoral S. R., Redmond S. A., Etxeberria A., Xiao L., Franklin R. J. M., Green A.,. Hauser S. L, and Chan J. R., Micropillar arrays as a high-throughput screening platform for therapeutics in multiple sclerosis http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4830134/ (Stand 12.05.2016)

Balk L. J. Cruz-Herranz A., Albrecht P., Arnow S., Gelfand J. M., Tewarie P., Killestein J.,. Uitdehaag B. M. J, Petzold A., Green A. J. Timing of retinal neuronal and axonal loss in MS: a longitudinal OCT study, http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00415-016-8127-y (Stand 12.05.2016)

 

 

 

 

 

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