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Neue Studie: Vitamin D-Mangel und MS

21.11.2016

In der Fachwelt wird seit längerem eine Verbindung zwischen Störungen im Vitamin D-Haushalt und dem Auftreten einer Multiplen Sklerose (MS) diskutiert. Eine aktuelle finnische Studie bestätigt nun, dass ein Vitamin D-Mangel das Risiko für MS bei Frauen deutlich erhöht.

Vitamin D ist ein Pro-Hormon (siehe Faktenbox), das nicht nur für den Knochenstoffwechsel, sondern praktisch von allen Organen des Körpers benötigt wird. Eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten haben in den letzten Jahren gezeigt, dass Vitamin D auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen, wie beispielsweise MS, spielt. Experimentelle Untersuchungen haben untermauern können, dass Vitamin D die Fähigkeit besitzt, die Produktion von Chemokinen (siehe Faktenbox) zu regulieren, der Entzündungsreaktion bei Autoimmunerkrankungen entgegenzuwirken und die Toleranz gegenüber dem eigenen Gewebe zu erhöhen. In unserer Ausgabe vom Mai 2016 haben wir bereits über den Zusammenhang zwischen Vitamin D-Mangel in der Schwangerschaft bei MS berichtet. Auf dem diesjährigen 32. Kongress des Europäischen Komitees für die Behandlung und Erforschung der Multiplen Sklerose (ECTRIMS) in London präsentierten die Forscher der finnischen Arbeitsgruppe nun die neuesten Studienergebnisse unter dem Titel „Die Serumspiegel von 25-Hydroxy-Vitamin D und dem Risiko für Multiple Sklerose bei Frauen in der finnischen Mutterschafts-Kohorte“. Das Team ging in der aktuellen Arbeit der Frage nach, ob man Rückschlüsse vom Vitamin D-Spiegel während der Schwangerschaft auf das Risiko dieser Frauen ziehen kann, in der Zukunft MS zu entwickeln. Sie bestimmten dazu die Blutspiegel von 25-Hydroxy-Vitamin D, einer biochemischen Vorstufe des aktiven Vitamin D, im Körper der Studienteilnehmerinnen.

Die Wissenschaftler führten die Studie mithilfe der finnischen Mutterschafts-Kohorte (FMC) durch. Das Register wurde bereits 1983 aufgebaut. Diese Blutdatenbank beinhaltet mittlerweile Serumproben von über 800.000 Frauen. Für die Studie wurden Proben des Registers verwendet, die in der normalen Routine während des Screenings in einer frühen Schwangerschaftsphase entnommen wurden. Aus diesen Serumproben identifizierten die Forscher insgesamt 1.247 Frauen mit MS, die zwischen 1983 und 2009 diagnostiziert wurden. Diese Frauen hatten vor Ihrer MS-Diagnose mindestens eine Serumprobe im Rahmen der finnischen Mutterschafts-Kohorte abgegeben. Im Durchschnitt lagen 13 Jahre zwischen der Abgabe der Serumproben und dem Zeitpunkt der MS-Diagnose. Die Ergebnisse der Blutuntersuchungen zeigten bei Frauen, die keine MS entwickelten (Kontrollgruppe), einen durchschnittlichen Vitamin D-Spiegel. Demgegenüber wiesen Frauen, die eine MS entwickelten, einen durchschnittlichen Serumspiegel auf. Die Daten legen einen signifikanten Zusammenhang zwischen Vitamin D-Spiegel und dem Risiko, eine MS zu entwickeln, nahe. Die Zunahme um 50 nmol/l Vitamin D war in der aktuellen Studie mit einem 37 % geringeren MS-Risiko verbunden. Insbesondere Frauen mit einem Vitamin D-Spiegel von weniger als 30 nmol/l hatten ein um 23 % höheres MS-Risiko im Vergleich zu Teilnehmerinnen, deren Werte zwischen 30 nmol/l und 50 nmol/l lagen. Dieses Risiko erhöhte sich weiter auf 48 % im Vergleich mit einem Vitamin D-Niveau > 50 nmol/l. Die Wissenschaftler sehen anhand der aktuellen Daten ihre Hypothese bestätigt, dass ein Vitamin D-Mangel das MS-Risiko bei Frauen erhöhen könnte. Besonders wichtig seien diese Daten für nordische Bevölkerungsgruppen, da hier mit kurzen Sommern und langen Wintern hohe Prävalenzen (siehe Faktenbox) für Vitamin D-Mangel existieren. Aus Sicht der Wissenschaftler könnten öffentliche Gesundheitsmaßnahmen dazu beitragen, die Vitamin D-Spiegel insgesamt zu verbessern und damit auch das MS-Risiko zukünftig zu reduzieren.

 

Faktenbox:

Vitamin D gehört zur Gruppe fettlöslicher Vitamine. Im Körper kann Vitamin D auch mithilfe von UVB-Strahlung aus 7-Dehydrocholesterol gebildet werden. Besonders Lebertran, einige Fischarten, Avocado, Steinpilze, Pfifferlinge, Milch und Ei enthalten reichlich Vitamin D. Vitamin D übernimmt im Körper die Funktion eines Pro-Hormons und wird über eine Zwischenstufe zu dem Hormon Calcitriol umgewandelt. Vitamin D spielt eine wesentliche Rolle bei der Regulierung des Calcium-Spiegels im Blut und beim Knochenaufbau.

Als Pro-Hormon wird ein Hormonvorläufer bezeichnet, der selbst keine oder kaum hormonelle Wirkung zeigt, sondern erst biochemisch im Körper zu einem Hormon umgewandelt werden muss. Hormone selbst sind Signal- und Botenmoleküle, die der Regulation vieler verschiedener Körperfunktionen dienen.

Chemokine sind Signalproteine, die u. a. für die Chemotaxis (Beeinflussung der Fortbewegungsrichtung von Lebewesen oder Zellen) verschiedener Zellen verantwortlich sind. Neben dem bloßen Anlocken von Effektorzellen an die Infektionsherde sorgen sie auch dafür, dass Abwehrzellen durch Gefäßwände in das beschädigte Gewebe eindringen können. Chemokine gehören zur Gruppe der Zytokine.

Als Prävalenz bezeichnet man die Häufigkeit einer Krankheit oder eines Symptoms in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

http://www.ms-life.de/ms-service/ms-news/detail/article/genetisch-verringerter-vitamin-d-spiegel-erhoeht-das-risiko-an-ms-zu-erkranken/ (Zugriff: 21.10.2016)

https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/ms-forschung/studie-bestaetigt-verbindung-zwischen-vitamin-d-mangel-und-hoeherem-multiple-sklerose-risiko-in-finn/ (Zugriff: 21.10.2016)

http://www.ms-life.de/ms-service/ms-news/detail/article/vitamin-d-als-schluesselhormon-bei-multipler-sklerose/ Zugriff: 21.10.2016)

http://onlinelibrary.ectrims-congress.eu/ectrims/2016/32nd/147045/alberto.ascherio.serum.levels.of.25-hydroxyvitamin.d.and.risk.of.multiple.html?f=m1Englisch (Zugriff: 21.10.2016)

A Mendelian Randomization Study., Mokry LE, Ross S, Ahmad OS, Forgetta V, Smith GD, Leong A, Greenwood CM, Thanassoulis G, Richards JB, Vitamin D and Risk of Multiple Sclerosis., PLoS Med. 2015 Aug 25;12(8):e1001866. doi: 10.1371/journal.pmed.1001866. eCollection 2015 Aug#

Munger K.L., Åivo J., Hongell K., Soilu-Hänninen M., Surcel H.M., Ascherio A., Vitamin D Status During Pregnancy and Risk of Multiple Sclerosis in Offspring of Women in the Finnish Maternity Cohort., JAMA Neurol. 2016 Mar 7

Pierrot-Deseilligny C., Souberbielle J.C., Contribution of vitamin D insufficiency to the pathogenesis of multiple sclerosis. ,Ther Adv Neurol Disord. 2013 Mar;6(2)

 

 

 

 

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