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Den Ursachen der MS auf der Spur

08.08.2016

Bis heute sind die Ursachen der MS noch lange nicht vollständig aufgeklärt. Auch die im Körper von MS-Betroffenen ablaufenden pathologischen Prozesse sind noch nicht abschließend entschlüsselt. Eine aktuelle Untersuchung liefert Anhaltspunkte für entscheidende pathologische Prozesse bei MS und erprobt die molekulare Wirkung eines neuen Wirkstoffs.

Die Multiple Sklerose ist eine entzündliche demyelinisierende Autoimmunerkrankung des Gehirns und des Rückenmarks (Zentralnervensystem ZNS). Darunter versteht man, dass Immunzellen der Betroffenen fälschlicherweise Zellen des eigenen Körpers als körperfremd erkennen und diese angreifen. Diese Eigenschaft der Erkrankung wird durch den Ausdruck „auto-immun“, also „gegen den eigenen Körper gerichtet“ ausgedrückt. „Entzündlich“ beschreibt die Beteiligung von entzündungsfördernden Immunzellen (T-Zellen) an diesem Prozess. „Demyelinisierend“ bezeichnet den Umstand, dass die schützende Myelinscheide um die Nervenzellen durch den Angriff der eigenen Immunzellen abgebaut wird. Die falsch geleiteten sogenannten „auto-reaktiven“ T-Zellen richten sich gegen die Zellen des ZNS, die für die Bildung der Myelinscheide (siehe Faktenbox) zuständig sind. Durch deren Schädigung kommt es zu den typischen Symptomen der MS.

Was genau bei einer Multiplen Sklerose dazu führt, dass das Immunsystem gesunde Nervenzellen ohne Grund schädigt, ist nicht wirklich aufgeklärt. Eine aktuelle Studie von Forschergruppen aus Münster und München ging nun genau dieser Frage nach.
Das gesunde Immunsystem unterliegt normalerweise einer ständigen Kontrolle. So bildet jeder Mensch hin und wieder Immunzellen, die gegen körpereigene Strukturen gerichtet sind (auto-reaktive T-Zellen). Diese Zellen werden jedoch für gewöhnlich bereits im Thymus aussortiert oder von anderen Immunzellen des Körpers in Schach gehalten und so unschädlich gemacht. Bei einer MS scheint diese Kontrolle nicht vollständig zu funktionieren. Schädigende auto-reaktive T-Zellen verbleiben im Blutstrom und können in verschiedenen Regionen Schaden anrichten. Der Grund für diesen fehlenden Kontrollmechanismus war bisher nicht entschlüsselt.

In einer aktuellen Studie konnten Wissenschaftler zeigen, dass natürliche Killerzellen (NKZ) im gesunden Immunsystem maßgeblich dazu beitragen die auto-reaktiven schädlichen T-Zellen in Schach zu halten (siehe Faktenbox). Mehr noch, sie konnten sogar Teile des molekularen Mechanismus entschlüsseln über den die NKZ ihre Schutzfunktion ausüben. Dabei zeigten die Wissenschaftler, dass sich die schädlichen T-Zellen aktiv, durch bestimmte „molekulare Tricks“, diesem Schutzmechanismus entziehen können.

Eine entscheidende Bedeutung in diesem Prozess kommt dem Botenstoff Interleukin 2 (IL2) zu. Durch die Bindung von IL2 an den dazu passenden IL2-Rezeptor scheint unter normalen Umständen im Immunsystem die durch NKZ vermittelte Schutzfunktion ausgelöst zu werden. Diese Ergebnisse bringen die MS-Forschung ein gutes Stück voran, da die Mechanismen, die in Zusammenhang mit der Untersuchung nachgewiesen werden konnten, von entscheidender Wichtigkeit für das frühe Krankheitsgeschehen zu sein scheinen. In sich anschließenden Untersuchungen erprobten die Wissenschaftler die therapeutische Wirkung eines Wirkstoffs, der genau in diesem Prozess angreift. Der Antikörper ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper gegen einen Teil des IL2-Rezeptors.

 

Faktenbox:

Myelin: Das Myelin ist eine lipid- und eiweißreiche Membran, die Nervenzellfortsätze umgibt. Myelin wird von einem bestimmten Zelltyp im Gehirn und Rückenmark - den Oligodendrozyten - gebildet. Aufgrund des hohen Fettanteil des Myelins erscheinen myelinisierten Bereiche mikroskopisch weiß und werden daher als weiße Substanz bezeichnet. In der weißen Substanz sind in erster Linie myelinisierte Nervenzellausläufer, die Axone, vorhanden. Demgegenüber steht die unmyelinisierte graue Substanz. In diesen Bereichen finden sich vorwiegend die unmyelinisierten Zellkörper der Nervenzellen.
Durch die Myelinisierung der Nervenzellausläufer wird in gesunden Nervenzellen eine schnelle Signalweiterleitung gewährleistet.

NKZ: Natürliche Killerzellen gehören zu einer Klasse von Immunzellen, die im angeborenen Immunsystem aber auch im erworbenen Immunsystem eine Rolle spielen. Natürliche Killerzellen (vom engl. to kill = töten, zerstören) sind in der Lage tumor- und virusbefallene Zellen oder auch Krankheitserreger zu erkennen und zu vernichten. Im Falle der oben beschriebenen Selbsttoleranz sind sie verantwortlich dafür, dass autoreaktive Immunzellen unschädlich gemacht werden.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

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