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Risikofaktor Luftverschmutzung

12.06.2017

Ob Feinstaub, Stickoxide, Kadmium, Blei oder Ozon - Schadstoffe in der Luft sind nicht nur für den globalen Treibhauseffekt verantwortlich, sondern können auf Dauer auch krank machen. Schon lange ist bekannt, dass hohe Schadstoffbelastungen unter anderem die Entstehung von Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sowie Krebs begünstigen können. Doch welches Risiko birgt die Luftverschmutzung an MS zu erkranken oder deren Verlauf zu beeinflussen?

Nach aktuellen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO versterben weltweit jährlich 3 Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung. Allein für Deutschland kommt das Umweltbundesamt zu dem Ergebnis, dass im Mittel etwa 45.000 vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub verursacht werden. Doch welchen Einfluss Luftschadstoffe auf die Entstehung neurologischer Erkrankungen wie der MS nehmen könnten, ist bisher kaum untersucht. Die wenigen bisher veröffentlichten Studien deuten darauf hin, dass Tabakrauchen und schlechte Luft nicht nur das MS-Risiko erhöht, sondern auch den Therapieerfolg negativ beeinträchtigt. So besitzen Raucher ein dreifach höheres MS-Risiko, welches nicht ursächlich auf Nikotin, sondern vielmehr auf eine Reizung der Lunge durch den Tabakrauch selbst zurückzuführen ist. Eine im Jahr 2014 von schwedischen Wissenschaftlern veröffentlichte Studie zeigt, dass Luftschadstoffe, wie sie im Tabakqualm enthalten sind, sogenannte autoreaktive T-Zellen (siehe Faktenbox) im Lungengewebe aktivieren. Diese T-Zellen überqueren wiederum ungehindert die Blut-Hirn-Schranke und attackieren dann das Myelin im Gehirn, die Schutzschicht der Nervenzellen. Darüber hinaus fanden die Wissenschaftler heraus, dass bei Rauchern MS-Therapien mit sogenannten Biologika (siehe Faktenbox) statistisch dreimal häufiger fehlschlagen als bei Nichtrauchern. Die Forscher vermuten, dass auch hierfür jene aktivierten autoreaktiven T-Zellen verantwortlich sein könnten. Sie sollen die Bildung neutralisierender Antikörper (siehe Faktenbox) gegenüber den Wirkstoffen begünstigen. Dabei ist eine chronische Reizung der Lunge nicht nur für Raucher ein Gesundheitsrisiko.

Nach derzeitigem wissenschaftlichen Stand wird angenommen, dass eine hohe Feinstaubbelastung (siehe Faktenbox) der Atemluft die MS-Schubrate deutlich erhöhen kann. Dabei wenig überraschend: Einwohner in Regionen mit extrem verschmutzter Luft, wie zum Beispiel in Großstädten oder Industriegebieten, scheinen im Vergleich zu Menschen aus ländlichen Regionen häufiger an MS zu erkranken. Dagegen zeigt eine erst kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlichte Studie kanadischer Wissenschaftler, dass zwar das Wohnen an Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen - und damit hoher Feinstaubbelastung - die Wahrscheinlichkeit erhöht, an Demenz (siehe Faktenbox) zu erkranken, nicht aber an Parkinson (siehe Faktenbox) oder MS. Die Forscher fanden bestätigt, dass Bestandteile verschmutzter Luft über den Blutstrom ins Gehirn gelangen und dort neurologische Störungen auslösen können.

In der bisher größten Studie dieser Art wurde die erwachsene Bevölkerung der kanadischen Metropole Ontario (ca. 6,6 Mio. Menschen) untersucht. Anhand der Postleitzahl wurde abgeglichen, in welcher Entfernung zur nächsten Hauptverkehrsstraße jeder Einzelne wohnte. Im Beobachtungszeitraum erkrankten 243.600 Menschen an Demenz, 31.600 an Parkinson und 9.200 an MS. Es zeigte sich ein höheres Demenzrisiko, je näher die Wohnung zur nächsten Hauptverkehrstrasse lag. Interessanterweise fanden die Wissenschaftler keine statistische Beziehung zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an Parkinson oder MS und der Distanz zwischen Wohnung und Straße. Auch wenn der genaue Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und MS-Risiko noch nicht zweifelsfrei geklärt ist, so bleibt festzustellen, dass Orte mit hoher Schadstoffbelastung im Allgemeinen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko bergen. Dagegen ist für jeden Raucher mit MS, aber auch für die Nichtraucher, konkret zu empfehlen, das Rauchen aufzugeben bzw. damit gar nicht erst anzufangen.

 

Faktenbox:

Unter Demenz versteht man ein neurologisches Krankheitsbild, das durch den fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Demenz ist in höherem Lebensalter eine der häufigsten Ursachen für Pflegebedürftigkeit. Parkinson ist eine chronisch neurologische Erkrankung, die durch einen langsam fortschreitenden Verlust motorischer Nervenzellen verursacht wird.

T-Zellen gehören zur Zellgruppe der Lymphozyten. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der menschlichen Immunabwehr. Die Abkürzung „T“ steht für Thymus, wo die Ausdifferenzierung dieser Immunzellen stattfindet. T-Zellen erkennen körperfremde Strukturen (Antigen) über einen spezifischen Rezeptor, den sogenannten T-Zell-Rezeptor (TCR). Dafür muss das Antigen allerdings von einer Antigen-präsentierenden Zelle (APC) angeboten werden.

Biologika sind biotechnologische, mithilfe lebender Zellen hergestellte Medikamente. Sie werden in der Regel als Injektion oder Infusion verabreicht. Biosimilars sind dagegen Nachahmerpräparate von originalen Biologika. Sie sind allerdings niemals mit dem Original identisch.

Antikörper, auch als Immunglobuline bezeichnet, sind von körpereigenen, spezifischen Zellen produzierte Proteine des Immunsystems. Sie besitzen die Fähigkeit, körperfremde Bestandteile (Antigene) zu erkennen, diese zu binden und damit zu neutralisieren.

Als Feinstaub bezeichnet man Teilchen in der Luft, die nicht sofort zu Boden sinken, sondern eine gewisse Zeit in der Atmosphäre verweilen. Dazu gehören beispielsweise diverse Verbrennungs-rückstände (u.a. Asche), aber auch Pollen oder Pilzsporen. Stickoxide sind die gasförmigen Verbindungen des Stickstoffs. Sie entstehen hauptsächlich bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Ozon ist ein aus drei Sauerstoffatomen aufgebautes chemisches Molekül. Ozon ist ein starkes Oxidationsmittel, das Reizungen der Atemwege und der Augen hervorrufen kann.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

„WHO Global Urban Ambient Air Pollution Database (update 2016)“, http://www.who.int/phe/health_topics/outdoorair/databases/cities/en/ (Zugriff: 15.02.2017)

„Gesundheitsrisiken der Bevölkerung in Deutschland durch Feinstaub“, Umweltbundesamt, https://www.umweltbundesamt.de/daten/umwelt-gesundheit/gesundheitsrisiken-der-bevoelkerung-in-deutschland#textpart-1 (Zugriff: 15.02.2017)

„Smoking and multiple sclerosis susceptibility“, Hedström et al., Eur J Epidemiol 2013; 28:867-874

„Smokers run increased risk of developing anti-natalizumab antibodies“, Hedström et al., Multiple Sclersois Journal 2013; 20(8):1081-1085

„Air pollution, a rising environmental risk factor for cognition, neuroinflammation and neurodegeneration: The clinical impact on children and beyond.“, Calderón-Garcidueñas et al., Rev Neurol. 2016; 172(1):69-80

„Living Near Major Roads and the Incidence of Dementia, Parkinson`s Disease and Multiple Sclerosis: A Population-based Cohort Study“, Hong Chen et al., Lancet 2017; S0140-6736(16)32399-6

 

 

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