MS News

Schubfrequenz in der dunklen Jahreszeit

06.12.2016

Der Winter steht vor unserer Tür. Grund genug, uns an dieser Stelle mit dem Zusammenhang von dunkler Jahreszeit und der Schubaktivität bei MS-Patienten auseinanderzusetzen. Wir geben Tipps rund um die trüben Tage und klären auf, welchen Einfluss Vitamin D und das Hormon Melatonin auf das Immunsystem haben können.

Der Lichtmangel im Winter drückt nicht nur aufs Gemüt – das fehlende Sonnenlicht belastet auch das Immunsystem und kann den Verlauf der Multiplen Sklerose (MS) negativ beeinflussen. Forscher konnten bereits belegen, dass Schübe häufiger im Frühling und Sommer zu erwarten sind als im Herbst und Winter. Dies schien zunächst überraschend, da bereits bekannt war, dass ein hoher Vitamin D-Spiegel mit einer Verbesserung der Schubaktivität verknüpft ist. Der Vitamin D-Spiegel ist im Winter niedriger als im Sommer, da der Körper zur Bildung Sonnenlicht benötigt. Der Rückgang der Schubfrequenz in den Wintermonaten ist bisher allerdings nicht eindeutig geklärt und wurde in der Vergangenheit auch als „saisonales Paradoxon“ bezeichnet. Professor Dr. Heinz Wiendl von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie in Münster fand mit seiner Arbeitsgruppe im Blut von Patienten, die zuvor mit UV-B-Licht bestrahlt wurden, schon einen Tag später vermehrt regulatorische T-Zellen und dendritische Zellen (siehe Faktenbox). Allerdings glaubt er nicht, dass solche Effekte allein im Zusammenhang mit dem Vitamin D stehen: „Die Wirkung des Lichts auf das Immunsystem geht deutlich über das hinaus, was wir uns mit einer erhöhten Vitamin D-Produktion erklären können." Menschen in Regionen mit starker Sonneneinstrahlung erkranken seltener an MS. In vorausgegangen Studien wurde dieser Zusammenhang zwischen Sonneneinstrahlung und den Krankheitsschüben bei Multipler Sklerose bereits deutlich herausgestellt. Diese Zelltypen halten das Immunsystem davon ab, sich selbst anzugreifen – verhindern also Autoimmunreaktionen. Die UV-B-Strahlung löst die Bildung von regulatorischen Zellen aus, die über das Blut bis zum Nervensystem wandern und dort ihre schützende Wirkung entfalten. Allerdings hält diese nur kurz an: Wurde die Bestrahlung auch nur für wenige Tage unterbrochen, verschlechterten sich Blutwerte und das Immunsystem wieder. Moderate Sonnenstrahlung unterstützt nach derzeitigen Erkenntnissen den Aufbau eines gesunden Immunsystems und trägt zum Schutz des Zentralen Nervensystems (ZNS) bei. Im Tiermodell wurde außerdem untersucht, ob sich diese Erkenntnisse auch auf Krankheitsbilder wie die MS übertragen lassen. In einer weiteren Studie wurden außerdem MS-Patienten über einen Zeitraum von sechs Wochen regelmäßig in einer eigens dafür konzipierten „Sonnenkammer“ bestrahlt. Das Ergebnis: Im Blut und in der Haut der Patienten konnten anhand von Hautbiopsien schon nach dem ersten Termin mehr regulatorische T-Zellen und dendritische Zellen als zuvor nachgewiesen werden. Die UV-B-Strahlung scheint im Immunsystem also einen komplexen Prozess auszulösen, denn in der bestrahlten Haut entstehen dendritische Zellen, die dann in angegliederten Lymphknoten regulatorische T-Zellen „ausbilden“.

Sonnenlicht scheint ein potenter Immunmodulator zu sein. Eine internationale Untersuchung unter Leitung von Dr. Tim Spelman (Royal Melbourne Hospital) zur Schubfrequenz von knapp 10.000 MS-Patienten aus 30 Ländern belegte, dass die Schübe gehäuft zum Winterende oder zu Beginn des Frühjahrs auftreten. Die Forscher nutzten eine internationale Online-Datenbank (MS Base Registry). Die Ergebnisse zeigen, dass MS-Schübe einem wiederkehrenden Muster folgen. So treten sie nach dem Winter, also im Frühjahr, besonders häufig auf. Im Herbst kommt es hingegen zu deutlich weniger Schüben – sowohl bei MS-Patienten der nördlichen sowie der südlichen Hemisphäre. Deutliche regionale Unterschiede waren in Bezug auf Ausprägung und Abstände zwischen den Schüben zu verzeichnen. Die australischen Wissenschaftler vermuten, dass das UV-Licht die Produktion immunmodulatorischer Substanzen (Vitamin D) fördert. Der Spiegel solcher Substanzen erreicht am Ende des Sommers seinen höchsten Stand und sinkt dann langsam ab, bis im Frühjahr das UV-Licht wieder stark genug für einen neuen Produktionszyklus ist. Damit wären die jahreszeitlichen Schwankungen zu erklären. MS-Patienten in kühleren Regionen bekommen insgesamt jedoch deutlich weniger UV-Licht als solche in tropischen und subtropischen Zonen. Bei ihnen waren die Spiegel der protektiven Substanzen insgesamt geringer. Daher, so die Hypothese, erreichen sie im am Ende des Winters auch schneller kritische Werte, die Schübe begünstigen. Mehr Sonnenlicht bewirkt, dass in der Haut mehr Vitamin D gebildet wird. Dem Vitamin wird eine positive Wirkung bei Autoimmunerkrankungen wie MS oder Schuppenflechte zugeschrieben. Zudem treten im Frühjahr – nach dem langen Lichtentzug im Winter – MS-Schübe häufiger auf. Bei anderen Krankheiten, wie z. B. Psoriasis (Schuppenflechte), hat sich die Lichttherapie bereits etabliert. Noch weiß man nicht, ob UV-Licht therapeutisch auch bei Multipler Sklerose wirkt. Dies wird derzeit in Studien weiter erforscht.

Auch das Hormon Melatonin (siehe Faktenbox) scheint nach aktuellen Forschungsergebnissen einen Einfluss auf die im Jahresverlauf variierende Schubhäufigkeit bei MS-Patienten zu haben. UV-B-Strahlung beeinflusst die Immuntoleranz im Nervensystem kurzfristig, umkehrbar und geht weit über die Effekte von Vitamin D hinaus. Einen Ansatz für konkrete neue Therapieoptionen sehen die Forscher bisher allerdings nicht. Der Anstieg der Melatonin-Konzentration könnte erklären, warum Patienten mit MS in den dunklen Wintermonaten weniger Krankheitsschübe erleiden. Experimentelle Studien ergaben, dass das Nachthormon die Autoimmunreaktion abschwächt und dabei die Aktivität von T-Zellen beeinflusst. Die Konzentration des „Sonnenhormons“ nimmt in den Wintermonaten ab. Trotzdem steigt die Zahl der Schübe nicht an. Francisco Quintana vom Brigham and Women's Hospital in Boston (USA) wertete in einer Studie Daten von MS-Patienten aus, um den Rückgang der Schubfrequenz in den Wintermonaten erklären zu können. Dieser korrelierte nach seinen Auswertungen nicht mit dem Vitamin D-Blutspiegel, wohl aber mit dem Hormon Melatonin. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Schubraten der Patienten in Herbst und Winter bei höheren Melatonin-Spiegeln geringer waren als im Rest des Jahres. Unter der Annahme, dass das Immunsystem hierbei eine Schlüsselrolle spielt, stellten die Wissenschaftler die Hypothese auf, dass ein Anstieg der Melatonin-Konzentration auch zu einer Zunahme von regulatorischen T-Zellen führt, die die autoaggressiven Immunzellen in Schach halten. Gleichzeitig aktiviert das Melatonin ein Protein, das die Produktion der schädlichen T-Zellen blockiert. Ihre Hypothese überprüften die Forscher im Tierversuch an Mäusen. Wenn sie den Mäusen Melatonin verabreichten, steigerten die Nager ihre Produktion schützender T-Zellen. Quintana warnt zusammen mit seinem Kollegen Mauricio Farez vor voreiligen Schlüssen: Die immunologischen Zusammenhänge sind komplex und eine Wirkung von Melatonin bei der MS ist aus den Ergebnissen nicht direkt ableitbar. Klinische Studien wurden dazu bisher noch nicht durchgeführt. Experten raten von individuellen Heilversuchen mit Melatonin-Präparaten ab. Internationale Studien mit größeren Teilnehmerzahlen müssen die ersten Ergebnisse noch bestätigen.

Der Wechsel der Jahreszeiten scheint einer der Umweltfaktoren zu sein, die auch bei MS eine Rolle spielen. Die dunkle Jahreszeit sollten Sie nutzen, um Körper und Geist zu stärken. Vertreiben Sie trübe Gedanken und genießen Sie die frische Luft – auch mit unseren Tipps für den Winter:

Aufgewacht – Sagen Sie der Müdigkeit den Kampf an!
Stressmanagement – Vergessen Sie den alltäglichen Stress!
Outdoor-Fitness – Bewegen Sie sich an der frischen Luft und aktivieren Sie neue Kräfte!
Essen Sie sich fit – Ernähren Sie sich gesund und denken Sie an eine vitaminreiche Küche!
Kognitionstraining – Arbeiten Sie an Ihrer geistigen Fitness, am besten zusammen mit Ihren Liebsten!

 

Faktenbox:

T-Zellen gehören zur Zellgruppe der Lymphozyten. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der  menschlichen Immunabwehr. Die Abkürzung „T“ steht für Thymus, wo die Ausdifferenzierung dieser Immunzellen stattfindet. T-Zellen erkennen körperfremde Strukturen (Antigen) über einen spezifischen Rezeptor, den sogenannten T-Zell-Rezeptor (TCR). Dafür muss das Antigen allerdings von einer antigenpräsentierenden Zelle (APC) angeboten werden.

Dendritische Zellen: Ihr Name stammt von ihren charakteristischen bäumchenartigen Zellfortsätzen, die jedoch nichts mit den Dendriten der Nervenzellen zu tun haben. Dendritische Zellen sind antigenpräsentierende Zellen (APC), die durch eine hohe Konzentration spezifischer Moleküle (MHC-Klasse-II) und co-stimulatorischer Komponenten auf ihrer Zelloberfläche besonders zur T-Zell-Aktivierung befähigt sind. Nach dem Kontakt mit einem Fremdkörper verlassen die dendritischen Zellen das von ihnen überwachte Gewebe und wandern in den nächsten Lymphknoten. Dort treten sie mit T-Zellen in Kontakt und induzieren eine spezifische Immunantwort gegenüber dem von ihnen präsentierten Antigen.

Das Hormon Melatonin wird jahreszeitenabhängig in der Zirbeldrüse produziert und ist der Taktgeber der „inneren Uhr“.  Vermehrt ausgeschüttet wird Melatonin in der Dunkelheit, somit ist im Winter ein höherer Melatonin-Spiegel im menschlichen Körper nachweisbar. Sonnenlicht hemmt die Produktion des Hormons. Heute sind auch Medikamente erhältlich, die Melatonin enthalten und zum Beispiel bei Schlafstörungen verschrieben werden.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/64122 (Zugriff: 21.10.2016)

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/multiple_sklerose/article/874711/multiple-sklerose-trueber-winter-schuebe.html (Zugriff: 21.10.2016)

https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/ms-forschung/multiple-sklerose-und-melatonin-geringere-schubhaeufigkeit-im-winter/ (Zugriff: 21.10.2016)

http://www.ms-life.de/ms-service/ms-news/detail/article/sonnenlicht-reguliert-immuntaetigkeit/ (Zugriff: 21.10.2016)

Mauricio F. Farez et al. (2015). Melatonin contributes to the seasonality of Muliple Sclerosis relapses. Cell 162, 1338-1352. www.cell.com/cell/pdf/S0092-8674%2815%2901038-7.pdf (Zugriff: 25.10.2016)

 

 

 

 

 

 

 

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