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Schutz vor MS-Schüben in der Schwangerschaft

16.03.2017

Wieso haben Schwangere weniger Schübe und wie entsteht dieser natürliche Schutz auf molekularer Ebene? Dies herauszufinden hat sich ein deutsches Forscherteam zur Aufgabe gemacht und dabei erstaunliches entdeckt.

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, entzündliche Autoimmunerkrankung des Gehirns und Rückenmarks. Vereinfacht gesagt attackieren Zellen des eigenen Immunsystems bestimmte Zellen im Gehirn und Rückenmark und schädigen diese oder zerstören sie mitunter komplett. Diese Attacke führt zu den MS-typischen Symptomen, wie z. B. Gefühlsstörungen, Störungen des Bewegungsablaufs oder Sehbeschwerden. In den meisten Fällen verläuft die MS schubförmig-remittierend. Dabei wechseln sich Phasen hoher Krankheitsaktivität (Schub) mit Phasen der Erholung (Remission) ab. Dieser Artikel beschäftigt sich mit MS-Patientinnen, bei denen die MS unter dieser Verlaufsform voranschreitet.

Mediziner wissen bereits seit längerem, dass eine Schwangerschaft einen natürlichen Schutz vor Autoimmunerkrankungen bieten kann. Dieses Phänomen ist von der rheumatoiden Arthritis ebenso bekannt wie von der MS. So weisen MS-Patientinnen während der Schwangerschaft einen gewissen Schutz vor weiteren Schüben auf. Wie dieser Schutz auf molekularer Ebene gesteuert wird, ist bislang noch weitestgehend unbekannt. Deutsche Wissenschaftler unter der Leitung von Dr. M. Frise, der Arbeitsgruppe für Immunologie der Universitätsklinik Hamburg in Kollaboration mit Arbeitsgruppen der Universitätsmedizin Göttingen, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die molekularen Mechanismen dieses natürlichen „MS-Schutzes“ zu untersuchen. Dabei nutzten die Forscher sowohl Reagenzglas-Untersuchungsmethoden (Zellkultur) als auch unterschiedliche MS-Tiermodelle.

Durch die Arbeiten konnte gezeigt werden, dass das Schwangerschaftshormon Progesteron bei der Vermittlung dieses Schutzmechanismus von zentraler Bedeutung zu sein scheint. Progesteron ist während der Schwangerschaft offenbar in der Lage, sich an den Rezeptor für das Steroidhormon Kortisol zu binden und diesen zu beeinflussen. Durch diese Bindung an den auf der Oberfläche von Immunzellen befindlichen Rezeptor wird demnach vermutlich eine Kaskade ausgelöst, die zur Verminderung krankmachender Immunzellen führt. Nach Abschluss der Schwangerschaft wird der betreffende Kortisolrezeptor vermutlich genetisch inaktiviert. Die Immunzellen sind folglich nicht mehr in der Lage, auf Steroidhormone in der Umgebung wie während der Schwangerschaft zu reagieren, womit die Schutzwirkung wieder aufgehoben wird.

Eine gewisse Minderung der Immunaktivität der Mutter ist generell von zentraler Bedeutung für die erfolgreiche Aufrechterhaltung einer Schwangerschaft. Da das ungeborene Kind im Körper der Mutter für das Immunsystem einen „Fremdkörper“ darstellt, sind bestimmte Mechanismen grundsätzlich erforderlich, damit das ungeborene Kind im Körper der werdenden Mutter toleriert wird. Eben diese Veränderungen im teilweise "heruntergefahrenen" Immunsystem der Mutter scheinen sich positiv auf die Aktivität der MS auszuwirken.

Die aktuelle Studie legt nahe, dass das Schwangerschaftshormon Progesteron Immunzellen dabei unterstützen könnte, auf das im Körper vorhandene Kortisol zu reagieren. Bereits seit einiger Zeit arbeiten Wissenschaftler daran, sich dieses Wissen für die Therapie der MS zunutze zu machen. Leider blieb bisher der gewünschte Effekt durch den Einsatz von Schwangerschaftshormonen in der MS-Therapie aus. Die aktuellen Untersuchungen liefern ein weiteres Puzzlestück zum Verständnis der entsprechenden Mechanismen, so dass dieser therapeutische Ansatz zukünftig weiter untersucht werden kann.


Faktenbox:

Autoimmune Reaktion: Eine gegen den eigenen Körper gerichtete Reaktion des Immunsystems.

Rezeptor: Im biologisch/wissenschaftlichen Sinne ist ein Rezeptor ein Protein, das für gewöhnlich auf der Oberfläche bestimmter Organe oder Zellen im Körper sitzt. Zu einem Rezeptor gehört immer auch ein entsprechender Gegenspieler (Signalmolekül). Dieses Signalmolekül kann sich an den Rezeptor in einem Schlüssel-Schloss-Prinzip binden. In Folge löst der Rezeptor spezifische Reaktionen in der entsprechenden Zelle oder dem Organ aus.

Kortisol (Hydrokortison): Ist ein lebenswichtiges Stresshormon, das in der Nebennierenrinde (Zona fasciculata) gebildet wird. Kortisol aktiviert abbauende (katabole) Stoffwechselvorgänge und hat eine dämpfende (immunsuppressive) Wirkung. In der Medizin wird es häufig eingesetzt, um Entzündungen zu hemmen und überschießende Reaktionen zu mildern. Es greift in eine Reihe von Stoffwechselvorgängen und immunologischen Prozessen ein und ist für den Menschen lebensnotwendig. In akuten Stresssituationen kommt es zu einem rapiden Anstieg der Produktion. Der Kortisolwert variiert im Tagesverlauf und ist zwischen 6 und 8 Uhr morgens am höchsten.

Zellen des Immunsystems: Bei einer MS sind vor allem sogenannte T-Lymphozyten beteiligt. Die Zellen gehören den weißen Blutkörperchen (Leukozyten) an und zirkulieren im Blutstrom.

Steroidhormone: Hormone, die biochemisch aus einem von Cholesterin abgeleiteten Steroid-Grundgerüst aufgebaut sind. Zu den Steroidhormonen zählen unter anderem Kortisol und Progesteron.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/multiple_sklerose/article/926888/multiple-sklerose-schwangere-weniger-schuebe.html (Zugriff 18.01.2017)

Engler J.B., Kursawe N., Solano M.E., Patas K., Wehrmann S., Heckmann N., Lühder F., Reichardt H.M., Arck P.C., Gold S.M., Friese M.A. Glucocorticoid receptor in T cells mediates protection from autoimmunity in pregnancy. Proc Natl Acad Sci U S A. 2017 Jan 10;114(2) http://www.pnas.org/content/114/2/E181.long (Englisch, Zugriff 18.01.2017)

 

 

 

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