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Sprech- und Schluckstörungen bei MS

19.12.2016

Störungen der Kommunikationsfähigkeit können jeden Menschen ungeachtet seines Alters durch verschiedene Ursachen treffen. Zeitgleich steigen die kommunikativen Anforderungen in Schule, Beruf und Alltag. Experten schätzen, dass mehr als die Hälfte aller MS-Patienten von Sprech- und Schluckstörungen betroffen sind.

In Folge der MS-Erkrankung können unerwartet Sprech- und Schluckstörungen in verschiedener Ausprägung auftreten. Sowohl das Sprechen als auch das Schlucken erfordert ein einwandfreies Zusammenspiel von Atmung und Reflexfunktionen. Das Auftreten von Beeinträchtigungen bei MS ist ursächlich auf den allmählichen Abbau der Myelinscheide und der Nervenfasern zurückzuführen. Die Konsequenz ist eine entsprechend schlechtere Signalübermittlung durch jene Neuronen, die für die Übertragung der Impulse von Gehirn und Rückenmark an die entsprechenden Muskeln verantwortlich sind. Durch die daraus hervorgerufene übermäßige Aktivierung arbeiten die an den Sprach- und Schluckvorgängen beteiligten Muskeln unkoordiniert.

Unter Sprechstörungen, medizinisch „Dysarthrie“, versteht man die Beeinträchtigung der Fähigkeiten beim Sprechvorgang, die beispielsweise zu Schwierigkeiten der korrekten und flüssigen Artikulation führen können. Im Gegensatz zur Sprachstörung sind bei der Sprechstörung nur die motorisch-artikulatorischen Fähigkeiten betroffen, nicht jedoch das Sprachvermögen selbst. Meist tritt bei MS-Patienten die sogenannte paroxysmale Dysarthrie auf, bei der der Sprachfluss nicht grundsätzlich gestört wird, aber ab und an kleine Versprecher auftreten können. Eine plötzlich zu hohe oder tiefe Stimmlage, ein zu schnelles oder langsames Sprechtempo sowie Atemstörungen können erste Symptome einer vorhandenen Sprechstörung sein.

Dagegen werden Schluckstörungen oder -beschwerden, medizinisch „Dysphagie“, durch Veränderungen des Schluckprozesses hervorgerufen. Das betrifft u.a. den gesamten Ablauf der Nahrungsaufnahme von dem Zeitpunkt, an dem das Essen in den Mund gelangt, bis zu seiner Ankunft im Magen. Die meisten MS-Patienten leiden sehr oft unter Schluckstörungen, wobei diese in erster Linie bei der Flüssigkeitsaufnahme auftreten. Anzeichen für eine vorhandene Schluckstörung sind neben vielen anderen beispielsweise Husten beim oder nach dem Schluckvorgang, Schwierigkeiten, das Essen im Mund zu behalten, Würgen beim Essen oder auch sehr langsames Kauen und Schlucken.

Beide Störungen sind - in Abhängigkeit von der Lokalisation der zugrundeliegenden Schädigung - meist mit guter Aussicht auf Besserung behandelbar. Falls sich erste Symptome einer Schluckstörung bemerkbar machen, sollte möglichst zeitnah der behandelnde Arzt konsultiert werden. Dieser kann die aktuelle Situation beurteilen und gegebenenfalls an einen weiteren Spezialisten, zum Beispiel einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt, für weitere Untersuchungen überweisen. In der Regel werden Schluckstörungen durch einen Logopäden therapiert: Durch bestimmte Übungen für die Atemtechnik oder Stärkung der Kiefer- und Halsmuskeln lassen sich die Beschwerden meist unter Kontrolle bringen. Darüber hinaus kann auch eine Beratung bezüglich der richtigen Konsistenz von Speisen und Getränken sowie bestimmter Körperhaltungen bei der Nahrungsaufnahme sinnvoll sein, um ein Verschlucken möglichst zu vermeiden.

Auch bei Sprechstörungen kann ein Logopäde helfen, indem er die Sprechweise die Intonation und die gesamte sprachliche Kommunikation der Betroffenen zuerst beurteilt und danach zielgerichtet trainiert. Durch spezielle Übungen kann beispielsweise die Funktion der Muskeln, die zum Atmen und Sprechen benötigt werden, verbessert werden. Es gibt zudem Techniken, die Sprache zu verlangsamen und eine übermäßig schnelle Artikulation von Sätzen zu kontrollieren.

 

Faktenbox:

Der medizinische Begriff Dysarthrie fasst unterschiedliche Störungen des Sprechens zusammen, die durch erworbene Schädigungen des Gehirns oder peripherer Nerven verursacht werden. Dabei ist meist sowohl die Koordination als auch die Ausführung der Sprechbewegung eingeschränkt. Die Symptome einer Dysarthrie lassen sich durch Sprechtherapien (z. B. bei einem Logopäden) und entsprechende Trainings beeinflussen.

Dysphagie ist der allgemeine medizinische Fachausdruck für Schluckstörungen. Dysphagie kann viele Ursachen haben und ist oft durch Schmerzen beim Schluckvorgang gekennzeichnet. Weitere Hinweise für das Vorliegen einer Dysphagie können Würgereflexe oder Husten während der Mahlzeit sein. Je nach Ursache der Dysphagie kann die Therapie durch einen Logopäden zur Verbesserung der Beschwerden ausreichend sein.

Myelinscheiden werden von Fortsätzen der Oligodendrozyten gebildet und ummanteln Nervenzellfortsätze (Axone). Durch Myelinscheiden wird eine schnelle Signalweiterleitung von Nervenzellen gewährleistet.

Unter Logopädie versteht man die medizinische Sprachheilkunde. Logopädie ist die Fachdisziplin, die sich mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck- oder Hörbeeinträchtigung befasst. Dabei stehen Prävention, Beratung, Diagnostik und Therapie sowie Forschung und Lehre auf den genannten Gebieten im Vordergrund.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

http://www.amsel.de/multiple-sklerose/behandeln/index.php?kategorie=msbehandeln&kategorie2=&kategorie3=symptomatischetherapie&anr=3548 (Zugriff: 16.11.2016)

http://www.amsel.de/multiple-sklerose/behandeln/index.php?kategorie=msbehandeln&kategorie2=&kategorie3=symptomatischetherapie&anr=3547 (Zugriff: 16.11.2016)

Bartholome G. (Hrsg); Schröter-Morasch, H. (Hrsg). (2006). Schluckstörungen. Diagnostik und Rehabilitation. München: Urban&Fischer Verlag

Berndt A., Mefferd Antje (2002): Dysarthrie, ein Ratgeber für Angehörige. Idstein: Schulz-Kirchner-Verlag

Ziegler W., Vogel M. (2010). Dysarthrie, verstehen-untersuchen-behandeln. Stuttgart: Georg Thieme Verlag

 

 

 

 

 

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