MS News

Themenreihe "MS und Sport" - Teil 3

21.05.2015

Taijiquan und Qigong – Sanfte Bewegung für Körper und Geist

Traditionelle, chinesische Bewegungslehren wie Taijiquan und Qigong basieren auf langsamen, bewusst ausgeführten Bewegungsabläufen. Sie vereinen Bewegung, Atmung, Entspannung und Konzentration in fließenden Bewegungen und Körperhaltungen. Diese schulen Balance und Beweglichkeit und stärken sanft die Muskulatur. Sie wirken sich außerdem positiv auf die innere Ausgeglichenheit aus und fördern das Körpergefühl.

Taijiquan, auch bekannt unter dem Begriff „Schattenboxen“, ist ursprünglich eine chinesische Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Beim modernen Taijiquan nimmt der Übende in einer Abfolge von fließenden Bewegungen bestimmte Körperhaltungen ein. Ebenfalls aus China stammt Qigong. Diese jahrtausendalte Bewegungslehre ist noch ruhiger und langsamer als Taijiquan. Sie wird im Stehen, Sitzen oder auch im Liegen praktiziert. So ist diese Form der Bewegung auch sehr gut für Patienten im Rollstuhl geeignet.

Taijiquan und Qigong werden oft parallel angeboten und ergänzen sich gut: Während Taijiquan sich mehr auf die exakte Ausführung der Bewegungsabläufe konzentriert, steht beim Qigong eher das körperliche Wohlbefinden und die individuelle Umsetzung im Mittelpunkt. Beide Bewegungslehren vereinen das bewusste Ausführen von Bewegungen mit der Konzentration auf die eigene Kraft und Energie.

Sie üben mit einer möglichst geringen Körperspannung, so trainieren Sie Ihren Körper auf eine besonders schonende Weise. Alle Bewegungen werden betont langsam und bewusst ausgeführt – fast wie in Zeitlupe. Der Vorteil: Durch diese intensive Wahrnehmung des eigenen Körpers verbessern Sie Fehlstellungen und Schonhaltungen (verursacht durch Lähmung, Ataxie oder Versteifungen). Muskeln und Sehnen werden gestärkt und die Gelenke beweglicher. Gleichgewichtsübungen, in denen Sie Ihren Körperschwerpunkt verlagern, fördern Stabilität und Balance. Diese Form der körperlichen Aktivität mildert Symptome wie Gleichgewichtsstörungen, Ataxie oder Spastiken.

Viele MS‐Patienten berichten, dass sich Beweglichkeit, Geh‐ und Gleichgewichtsprobleme bereits nach wenigen Übungsstunden spürbar verbessern. Auch mental erleben sie einen Unterschied: Das Üben verhilft vielen sowohl zu körperlicher als auch emotionaler Stabilität. Häufig verändert sich dadurch auch die eigene Einstellung zur Krankheit: So fühlen sich die meisten wesentlich vitaler und können ihren eigenen Körper besser einschätzen und akzeptieren. Das regelmäßige Üben steigere Konzentration, Ausgeglichenheit und innere Ruhe. All das das führt zu mehr Lebensqualität.

Eine Pilotstudie (Mills & Allen, 2000) mit MS‐Patienten aus dem Jahr 2000 bestätigt diese positiven Auswirkungen von Taijiquan und Qigong: Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, erzielten die Patienten durch regelmäßiges Üben bereits nach kurzer Zeit von einer spürbaren Verminderung ihrer Symptome (zum Beispiel Balance‐Schwierigkeiten). Der positive Einfluss von Taijiquan und Qigong auf den Gleichgewichtssinn wurde auch von einer weiteren Studie (Lee et al., 1999) bestätigt: Die Teilnehmer der Studie konnten durch regelmäßiges Üben sicherer Gehen und das Vertrauen in ihre Balance stärken.

Der Schlüssel zum Erfolg bei Taijiquan und Qigong ist das regelmäßige Üben der Bewegungen. Sie können bereits nach wenigen Übungsstunden bei einem qualifizierten Lehrer die Bewegungen des Taijiquan und Qigong überall selbstständig ausführen – auch zu Hause. Je regelmäßiger, desto besser. Experten zufolge führen bereits zwei Stunden Training pro Woche zu positiven Effekten. Lassen Sie Ihren Lehrer vor Beginn des Kurses von etwaigen Einschränkungen wissen, damit er individuell auf Ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten eingehen kann.

Taijiquan‐ und Qigong‐Kurse gehören zu den anerkannten Entspannungskursen, die von gesetzlichen Krankenkassen gefördert und bezuschusst werden – Voraussetzung dafür ist eine offizielle Anerkennung durch die jeweilige Krankenkasse. Informieren Sie sich am besten direkt bei Ihrer Krankenkasse über Möglichkeiten zur Finanzierung und Kursangebote.

Buchtipp: „Ich breite mein Lächeln aus – Qigong und MS“ von Zuzana Sebková‐Thaller erklärt in einfacher Sprache Qigong Übungen speziell für MS‐Erkrankte. (Erschienen bei: Hernoul‐le‐Fin Verlag, ISBN 3‐933309‐03‐4)

Links:

www.taiji-europa.de/ Taijiquan und Qigong Portal Europa:

Hier finden Sie auch ein Verzeichnis von anerkannten Lehrern und Schulen sowie Videos mit Übungen

http://ddqt.de/ Dachverband DDQT e.V.

www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0163834300001006 Erwähnte Studien: Mindfulness of movement as a coping strategy in multiple sclerosis. A pilot study. Mills N and Allen J, Gen Hosp Psychiatry. 2000 Nov‐Dec;22(6):425‐31.

www.aerzteblatt.de/nachrichten/38371 Taijiquan verbessert Gleichgewichtsstörungen

www.tqj.de/TQJ-Web-alt/Archiv/02-2/Thaller.html Qigong und MS (Bericht von Zuzana Sebková-Thaller)

 

 

 

 

 

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