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Therapeutisches Klettern bei MS – die Wand als Herausforderung

27.10.2017

Multiple Sklerose und Klettern? Ja, das funktioniert! Und ist bei MS sogar ideal. Es ist eine Form der Bewegung, die den Gesundheitszustand positiv fördert. Jeder kann es ausüben, selbst MS-Erkrankte, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Sportwissenschaftlerin Claudia Kern von der Technischen Universität München sagt, warum Klettern die richtige Sportart für Menschen mit MS ist.

Warum interessieren Sie sich für das Thema „MS und Klettern“?
Ich klettere selbst seit über 20 Jahren. Es ist ein toller Sport. Die Verbindung zu MS kam zum einen durch persönliche Berührungspunkte in der Familie. Zum anderen hatte ich durch meine Arbeit als Physiotherapeutin schon früh Kontakt mit MS-Patienten. Aus ersten Anwendungsversuchen von Klettern in der MS-Therapie ist heute eine sehr aktive Gruppe geworden: „MS on the Rocks“. Die Teilnehmer sind mit Begeisterung dabei und freuen sich am Ende  jedes Trainings bereits auf das nächste Treffen. Es ist schön zu sehen, dass das Interesse der Betroffenen da ist und diese Therapieform helfen kann.

Welche grundlegenden Vorteile hat das Klettern?
Klettern ist vielseitig, hat einen biopsychosozialen Ansatz: Es werden koordinative, konditionelle sowie mentale Qualitäten auf spezifische Art und Weise gefördert. Das gibt es vergleichsweise bei kaum einer anderen Sportart. Beim Klettern werden alle motorischen Fähigkeiten, wie Gleichgewichtssinn, Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Kraft gefördert und gefordert. Zudem macht Klettern in der Gruppe große Freude, stärkt das Selbstvertrauen, fordert Mut und ist ideal zum „kontrollierten Auspowern“.

Wie beeinflusst Klettern Multiple Sklerose?
Da Klettern ein ganzheitlicher Sport ist, ist es für Menschen mit MS eine Bereicherung auf allen Ebenen und beeinflusst die Lebensqualität positiv. Viele aus unseren Klettergruppen berichten, dass sich Gleichgewicht, Kraft und Beweglichkeit verbessert haben. Doch Klettern sorgt nicht nur für körperliche Fitness und bessere motorische Fähigkeiten. Auch auf psychischer und sozialer Ebene zeigen sich Veränderungen. Viele berichten, ein neues Selbstwertgefühl und damit ein gesteigertes Selbstvertrauen gewonnen zu haben, und dass sie im Alltag mutiger geworden sind. Sie können ihre Grenzen austesten, sich ausprobieren. Und natürlich entstehen auch
Freundschaften.

Gibt es Einschränkungen für bestimmte MS-Betroffene?
Anders als bei anderen Sportarten, kann so gut wie jeder MS-Betroffene klettern: ob schwach, ob stark, mit wenigen oder mehr Symptomen, ob jung oder alt, solange die Beine noch etwas bewegt werden können und Kraft in den Armen ist.  Jemand, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kann sich vielleicht dennoch an den Griffen in der Wand hochziehen und mit etwas Unterstützung die Restfunktion der Beine trainieren.

Es kommt nicht darauf an, wie hoch jemand klettert, sondern dass er es versucht und seinen Körper anders wahrnimmt. Der Weg an der Wand ist sozusagen das Ziel. Der Kletterer wird mit Seil und Haken abgesichert, erlebt aber trotzdem die Höhe und damit ein gewisses Risikogefühl. Das ist ein schönes Gefühl – ein Stück Freiheit. Mit dem Klettern erobern sich MS-Betroffene etwas Normalität zurück. Es ist Sport, Vorbeugung und Therapie zugleich. Bei Multipler Sklerose vermindert Sport, also auch das Klettern, beispielsweise das häufig begleitende Erschöpfungs-Syndrom (Fatigue). Zudem: Körperliche Einschränkungen setzen zum Teil erst später ein. Klettern besitzt außerdem einen hohen Motivationscharakter, die Teilnehmer feuern sich gegenseitig an.

Was empfehlen Sie persönlich MS-Betroffenen?
Grundsätzlich, sich zu bewegen. Jeglicher Sport, ob Klettern oder eine andere Bewegung, ist wichtig und hat etwas Positives – für Psyche und Körper. Wichtig ist, dass ein Sport gefunden wird, der zum Typ passt, der Freude macht und gesundheitlich möglich ist. Bewegung in der Gruppe hat den Vorteil, dass es zusätzlich motiviert.

Zur Person:

Dr. phil. Claudia Kern arbeitet an der Technischen Universität München, Betriebseinheit Angewandte Sportwissenschaft. Die 45-Jährige ist Leiterin der Abteilung Neurologie des Kuratoriums für Prävention und Rehabilitation der TUM e.V. und Beauftragte für die Berufsfachschulen Gymnastik in Bayern. Ihre Dissertation schrieb Claudia Kern zum Thema „Klettern bei Multipler Sklerose“: Die Doktorarbeit ist im Jahr 2014 von ihrer Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften mit dem TUM.Diversity-Preis sowie im Jahr 2015 mit dem Bayerischen Rehabilitationssportpreis zur besten Arbeit im Bereich Rehabilitation und Prävention von Menschen mit Behinderung ausgezeichnet worden. Weitere Auszeichnungen: Für ihr Engagement bekam die Klettergruppe „MS on the Rocks“ im Jahr 2008 von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung den Hertie-Preis für besonderes Engagement und Selbsthilfe.


TUM: Klettergruppe „MS on the Rocks“:

An der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München besteht bereits seit dem Jahr 2005 die Klettergruppe „MS on the Rocks“. Initiiert wurde die Gruppe vom damaligen Sportstudenten Tobias Käser, der für seine Diplomarbeit Probanden suchte und auf Betroffene eines MS-Stammtisches in München zuging. Daraus entwickelte sich die Klettergruppe „MS on the Rocks“. Personen mit Multipler Sklerose können hier einmal in der Woche mithilfe von ausgebildeten Therapeuten klettern. „Mittlerweile haben wir drei Gruppen und über 50 Mitglieder. Geklettert wird jeden Samstag“, sagt Claudia Kern, die zusammen mit ihrem Team von 12 Therapeuten die Gruppen betreut.

 

Weiterführende Informationen:
Infos zur Klettergruppe
„MS on the Rocks“ deutschlandweit

 

 

 

 

 

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