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Training mildert verschiedene Symptome: So bleibt der Körper im Gleichgewicht!

26.04.2018

Schwindel und Gleichgewichtsstörungen belasten viele Patienten mit MS im Alltag. An körperliche Fitness ist unter solchen Bedingungen nicht zu denken. Durch einfache Übungen kann das Gleichgewicht trainiert und Schwindel reduziert werden, wie ein neu entwickeltes Trainingsprogramm zeigt.

Der Gleichgewichtssinn ist wichtig für jede Bewegung, sei es zu Fuß, auf dem Fahrrad oder im Auto. Symptome wie Gleichgewichtsstörungen und Schwindel treten meist zusammen auf und können das tägliche Leben enorm einschränken. Insbesondere in der Öffentlichkeit sind die Betroffenen verunsichert und trauen sich kaum, alltägliche Dinge zu erledigen oder gar andere Menschen zu treffen. MS-bedingte Gleichgewichtsstörungen sind auf Schädigungen im Kleinhirn oder Hirnstamm zurück zu führen. Eine Schädigung des Gleichgewichtsorgans kann sich wiederum in unwillkürlichem Augenzittern äußern, dem so genannten Nystagmus, weil das Gehirn irrtümlich Schwankungen meldet.

Genauso wie Kraft, Ausdauer oder Schnelligkeit ist das Gleichgewicht trainierbar. Dafür gibt es viele verschiedene Übungen. Idealerweise sollte bei der Behandlung von Schwindel auch die Ursache therapiert werden.


US-Forscher haben ein neues Trainingsprogramm getestet

Angelehnt an die bereits bekannten Übungen haben Forscher der University of Colorado School of Medicine ein spezielles Trainingsprogramm für MS-Patienten entwickelt. Sie haben die Effektivität des Programmes, das den Namen BEEMS trägt, in einer aktuellen Studie getestet (BEEMS steht für: Balance and Eye-Movement Exercises for Persons with Multiple Sclerosis; auf Deutsch etwa: Gleichgewichts- und Augenbewegungsübungen für Menschen mit Multipler Sklerose).

Die Forscher teilten die 88 Teilnehmer in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe machte keine Übungen. Die zweite Gruppe führte insgesamt 14 Wochen lang täglich zu Hause Laufübungen auf verschiedenen Unterlagen durch. Diese Unterlagen können zum Beispiel große Kissen sein, eine grob gefaltete Decke oder ein Seil. Während der Schritte auf der Unterlage sollten die Patienten in einem bestimmten Rhythmus den Kopf in die eine Richtung und dann in die andere Richtung bewegen. Der Sinn: Das menschliche Gleichgewichtssystem stützt sich auf die Informationen aus drei Bereichen:

• dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr,
• den Augen und
• speziellen Rezeptoren in Muskeln und Gelenken, die dem Gehirn vermitteln, ob unser Körper zum Beispiel steht oder sitzt oder wie er sich bewegt.

Falls einer dieser Bereiche gestört ist oder wenn es zu Missverständnissen unter den drei Bereichen untereinander kommt, entsteht Schwindel.

Bei BEEMS wird die Koordination aus Kopf-, Augen- und Ganzkörperbewegung trainiert: Die Kopfbewegungen reizen den Gleichgewichtssinn. Gleichzeitig vermitteln die Augen verschiedene Sinneseindrücke an das Gehirn und die Rezeptoren in Muskeln und Gelenken spezielle Bewegungssignale, die durch das Balancieren auf verschiedenen Untergründen entstehen.

 

Symptome nahmen ab, Patienten verspürten mehr Lebensqualität

Die Teilnehmer füllten verschiedene wissenschaftliche Fragebögen aus, zu Beginn der Studie, nach sechs Wochen und abschließend nach 14 Wochen. Die Fragen bezogen sich auf das Ausmaß von Schwindel, Fatigue und Lebensqualität. Das Ergebnis ermittelten die Forscher durch eine Punktevergabe: Im Vergleich zu der Gruppe, die keine Übungen absolviert hatten, traten Schwindel und Gleichgewichtsstörungen bei den Teilnehmern in der BEEMS-Gruppe sehr viel seltener auf. Darüber hinaus verbesserte sich auch die Fatigue und die Probanden verspürten mehr Lebensqualität.

Ein Zahlenbeispiel: Bei einem Gleichgewichtstest erreichen gesunde Menschen zwischen 90 und 100 Punkte. Bei der BEEMS-Gruppe wurden zu Beginn der Studie 63 Punkte gemittelt und bereits nach sechs Wochen waren es 73 Punkte.


Klettern und Reiten

Auch andere therapeutische Sportarten wirken sich positiv auf das Gleichgewicht aus. Eine aktuelle Auswertung verschiedener Studien1 ergab, dass Klettern nicht nur die allgemeine Gesundheit stärkt, sondern auch Ausdauer, Muskelkraft und die geistige Leistungsfähigkeit. Auffällig oft nahmen Depressionen ab. Man geht davon aus, dass die überkreuzten Bewegungen von Armen und Beinen eine Zusammenarbeit beider Hirnhälften fördern. Die verschiedenen Greif-, Tritt- und Zugbewegungen und die genaue Abstimmung der Bewegungen von Armen und Beinen trainieren außerdem die Beweglichkeit, die Koordination und das Gleichgewicht.

Einen positiven Effekt auf das Gleichgewicht – und auf andere MS-Symptome – bewirkt auch die Hippotherapie, also das therapeutische Reiten auf speziell ausgebildeten Pferden. Denn das Pferd überträgt durch seine Bewegungen dreidimensionale Schwingungen auf den Reiter. Dadurch werden vor allem die Halte- und Rumpfmuskulatur trainiert. In einer aktuellen Studie² verbesserte sich nach zwölf Wochen Hippotherapie der Gleichgewichtssinn und damit die Lebensqualität der Teilnehmer, während Fatigue und Spastiken abnahmen.

 

Weiterführende Informationen

BEEMS-Studie
Efficacy of Balance and Eye-Movement Exercises for Persons With Multiple Sclerosis (BEEMS)
http://n.neurology.org/content/early/2018/01/31/WNL.0000000000005013

Fixationsübungen gegen Gleichgewichtsstörungen und Schwindel
http://therapie-schwindel.de/vestibulaere-therapie/uebungsmaterial/

Gut zu wissen!
Gesundheitliche Effekte von körperlicher Bewegung

Körperliche Bewegung fördert unter anderem:
Ausdauer, Leistungsfähigkeit, Muskelkraft und damit die Mobilität, Gleichgewicht, die positive Wahrnehmung des eigenen Körpers und insgesamt die Lebensqualität.

Körperliche Bewegung kann die Beschwerden mindern beziehungsweise das Risiko senken für: Fatigue, Depressionen, Spastiken, Übergewicht, Diabetes Typ II und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Studienergebnisse lassen vermuten, dass körperliche Aktivität sogar die Bildung von Nervenzellen (Neurogenese) und die kognitiven Fähigkeiten bei MS-Erkrankten fördert. Außerdem gibt es Hinweise, dass durch physische Trainingseinheiten vermehrt entzündungshemmende Botenstoffe produziert werden, die wiederum die Krankheitsaktivität bei MS-Patienten mildern können.


Interessante Links:
Sport kann vor Depressionen schützen
https://ajp.psychiatryonline.org/doi/10.1176/appi.ajp.2017.16111223

Moderate Bewegung fördert die Bildung von Nervenzellen bei Tieren
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5281566/

Sport fördert die Geschwindigkeit kognitiver Prozesse bei MS-Patienten
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21984644

Sport reduziert Entzündungsbotenstoffe und somit chronische Entzündungen
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3629815/

  

Tipps zur Bewegung:
• Besonders wichtig ist es, eine Sportart zu wählen, die Ihnen Spaß macht und Ihren individuellen körperlichen Fähigkeiten entspricht. Wer sich jeden Tag zu ungeliebten Übungen zwingen muss, lässt es bald ganz bleiben.
• Pro Tag sollten Sie sich mindestens 20 bis 60 Minuten bewegen, entweder durchgängig oder als über den Tag verteilte Einheiten von je 8 bis 10 Minuten.
• Überanstrengen Sie sich nicht. Ein langer Spaziergang, vielleicht auch mal etwas schneller und mit Pausen, wenn notwendig, ist besser als ein kurzer Sprint, der den Körper belastet und Sie außer Atem bringt.
• Besonders empfohlen wird eine Mischung aus Ausdauer- und Kräftigungstraining. Beim Ausdauertraining sollten Sie sich unterhalten können, ohne außer Atem zu kommen.
• Sollte durch die Anstrengung oder das Schwitzen das Uhthoff-Phänomen ausgelöst werden − also ein Pseudoschub aufgrund der Erwärmung des Körpers − unterbrechen Sie Ihre Aktivität und kühlen Sie sich ab, bis die Symptome nachlassen.
• Während eines Schubs sollten Sie sich jedoch „sportliche“ Ruhe gönnen, damit Ihr Körper sich erholen kann. Danach können Sie in aller Ruhe wieder an Ihre bisherigen Erfolge anknüpfen.


Weitergehende Informationen:
https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-und-sport/einfuehrung/der-zusammenhang-zwischen-ms-und-sport/
https://www.apotheken-umschau.de/Multiple-Sklerose/Sport-bei-MS-Ja-bitte-542937.html

 

1) https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fphys.2017.01021/full
2) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28770664