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Unsichtbare Hürde: Gesichtsausdrücke verkennen

31.08.2018

Wussten Sie, dass es manchen MS-Betroffenen im Vergleich zu gesunden Menschen schwerfällt, in fremden Gesichtern Gefühle wie Angst oder Wut zu erkennen? Das stellte sich in einer Untersuchung heraus. Das liegt an einer kognitiven Beeinträchtigung – ein eher verborgenes Gesicht der MS. Neben diesem „unsichtbaren“ Symptom gibt es viele andere, die häufig unerkannt bleiben. Wenn der Arzt das weiß, kann er meist helfen…

Für eine aktuelle Untersuchung wurden 60 MS-Betroffenen und 60 gesunden Probanden verschiedene Videos und Fotos von den Gesichtern anderer Menschen gezeigt. Die Teilnehmer sollten beurteilen, welche Gefühlslage zu dem jeweiligen Gesichtsausdruck der abgebildeten Personen passt: fröhlich oder freundlich, ängstlich, wütend oder traurig? Ziel der Studie war es, herauszufinden, in welchen Bereichen des Gehirns die zugrunde liegenden Schäden lokalisiert sind. Doch bestätigte die Untersuchung erneut, dass Menschen mit MS im Vergleich zu den Menschen ohne MS größere Schwierigkeiten hatten, einem Gesichtsausdruck die richtige Stimmungslage zuzuordnen. Diese kognitive Beeinträchtigung gehört zu den sogenannten unsichtbaren Anzeichen, die ohne körperliche Beschwerden verlaufen. Oftmals kommen nicht sichtbare Symptome beim Arzttermin nicht zur Sprache, weil die Betroffenen sich scheuen, darüber zu sprechen oder gar nicht wissen, dass ein Zusammenhang mit MS besteht.¹

 

In einer anderen Studie wurde durch eine Untersuchung im Magnetresonanztomografen gezeigt, dass diese Defizite nicht mit der Dauer der bestehenden Erkrankung, dem EDSS oder Depressionen zusammenhingen, wohl aber mit dem Ausmaß an Fatigue. Das lässt vermuten,
dass beide Symptome auf neurologischen Schäden in denselben Hirnbereichen beruhen.²

Was so harmlos klingt, kann die Lebensqualität stark einschränken. Wer die Gefühle aus dem Gesichtsausdruck eines Gesprächspartners nicht ausreichend interpretieren kann oder falsch interpretiert, kann Schwierigkeiten im sozialen Miteinander bekommen. Dabei ist gerade die Hilfe durch Freunde und Familie ein wichtiger Faktor, mit der Erkrankung zurecht zu kommen.³

Ein Medikament gegen solche Einschränkungen gibt es bislang noch nicht. Sollte es Ihnen daher schwerfallen, die Regungen Ihrer Mitmenschen nachzuvollziehen, gibt es nur eine Möglichkeit: Reden Sie darüber! Erklären Sie Ihren Freunden und der Familie, dass dies eine Auswirkung der MS sein kann und Sie es nicht böse meinen, sollten Sie in gewissen Momenten „falsch“ reagieren.

 

 

Gut zu wissen:
Es gibt viele andere unbekannte oder seltene Symptome, die wenig Beachtung finden – weil der Arzt sie nicht sehen kann. Wenn Sie ungewöhnliche Beeinträchtigungen bemerken, erzählen Sie Ihrem Arzt davon. In den meisten Fällen wird er Ihnen weiterhelfen können.

• Juckreiz: Ihr Arzt kann Ihnen wirkungsvolle Therapien empfehlen oder verordnen.

• Krämpfe – epileptische Anfälle kommen bei 3 bis 4 von 100 MS-Betroffenen vor. Sprechen Sie bei diesen Anzeichen mit Ihrem Neurologen. Er kann Ihnen helfen.

• Kopfschmerzen – Migräne: Versorgen Sie sich besser nicht auf eigene Faust mit freiverkäuflichen Schmerzmitteln. Ihr Arzt kennt Ihre MS-Medikation und weiß, welche Schmerzmittel sich mit Ihrer Medikation vertragen.

• Schluckstörungen – Dysphagia: Wer nicht richtig schlucken kann, dem fällt das Essen und Trinken schwer. Gehen Sie bei den ersten Anzeichen, etwa Husten beim Trinken, zu Ihrem Arzt. Er kann dafür sorgen, dass die Beschwerden gelindert werden.

• Hörprobleme kommen bei etwa 6 von 100 MS-Betroffenen vor. Sobald Sie Veränderungen bemerken, lassen Sie sich von Ihrem Arzt an einen Hals-Nasen-Ohrenarzt überweisen. https://www.karger.com/Article/Pdf/313115

 

Reden Sie darüber, wenn Sie in bestimmten Momenten anders reagieren oder sich anders verhalten als erwartet. Erklären Sie Ihrer Familie und ihren Freunden, dass es eine Auswirkung der MS sein kann.

 

Unser Tipp für Sie: Notieren Sie sich ungewöhnliche Symptome in einem Tagebuch – zum Beispiel direkt im Smartphone in der Cleo-App.

 

 

http://n.neurology.org/content/early/2017/05/31/WNL.0000000000004060

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1111/ene.13457

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23315621