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Wanzen-Protein beeinflusst MS-Verlauf

05.09.2016

Kürzlich veröffentlichte Studiendaten lassen vermuten, dass ein bestimmter Bestandteil des Blutgerinnungssystems, der sogenannte Blutgerinnungsfaktor XII, die Entstehung der Multiplen Sklerose beeinflussen könnte.

Die Blutgerinnung (Koagulation) ist ein komplexer Prozess, der wie eine Kettenreaktion unter Beteiligung verschiedener Gerinnungsfaktoren (siehe Faktenbox) den Körper zuverlässig vor Blutungen und Blutverlusten sowie der Bildung von Blutgerinnseln schützen soll.  Blutgerinnung und Entzündung sind zwei lebenswichtige Abwehrsysteme des Körpers, die auf verschiedenen zellulären Ebenen vielfältig miteinander interagieren. Entzündungen führen zur Gerinnungsaktivierung und der Gerinnungsstatus beeinflusst wiederum die Entzündungsaktivität.

Wissenschaftler der Universitäten Essen und Münster haben jetzt zeigen können, dass möglicherweise eine Komponente des Gerinnungssystems, der Faktor XII (FXII), für die Entstehung der MS von Bedeutung sein könnte. Dabei ist FXII schon länger im Visier der Forscher, jedoch in einem anderen Zusammenhang: Bisher publizierte Studien zeigen, dass FXII an der Blutgerinnselbildung im Gehirn beteiligt ist. Umso überraschender war für die Wissenschaftler, dass FXII möglicherweise auch bei Autoimmunerkrankungen wie MS von Relevanz zu sein scheint und somit eine Schlüsselstellung für den Anstoß von Gerinnung und Entzündung einnehmen könnte. Die aktuell veröffentlichten klinischen Daten von MS-Patienten zeigen nun erstmals, dass während akuter Krankheitsschübe der FXII-Gehalt im Blut um ein vielfaches erhöht ist. Untermauert werden die Daten durch zusätzlich am Tiermodell durchgeführte Untersuchungen. So zeigen Mäuse mit einer Experimentellen Autoimmun-Enzephalitis (EAE) eine Autoimmunerkrankung, die als Studienmodell für die MS dient, deutlich geringere neurologische Ausfallsymptome, wenn ihnen das Gen für den Gerinnungsfaktor FXII fehlt. Interessanterweise bilden diese FXII-negativen Mäuse deutlich weniger Interleukin-17A produzierende T-Zellen (siehe Faktenbox), die eine zentrale Rolle in der MS-Entstehung spielen. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse auch, dass FXII das Immunsystem bei MS über spezielle Antigen-präsentierende Zellen, den sogenannten dendritischen Zellen (siehe Faktenbox), aktiviert. Der möglicherweise spannendste Ansatz der Studie: Den Forschern ist es gelungen, auch in EAE-Mäusen mit noch intaktem FXII-Gen durch eine neuartige Substanz, dem Infestin-4 Protein, die Wirkung des Gerinnungsfaktors zu hemmen. Dabei zeigte die Blockade durch Infestin-4 auch dann noch Wirksamkeit, als die neurologischen Symptome bereits ausgebrochen waren.  Infestin-4 stammt ursprünglich aus Raubwanzen der Gattung Triatoma infestans (siehe Faktenbox) und war als FXII-Blocker bereits Gegenstand einiger Schlaganfall-Studien. Trotz der vielversprechenden Ergebnisse wollen die Wissenschaftler keine falschen Hoffnungen wecken: Weitere umfangreiche Untersuchungen sind nötig, um die Frage zu beantworten, ob Infestin-4 in Zukunft eine neue therapeutische Option darstellen könnte.

 

Faktenbox:

Gerinnungsfaktoren: Sie sind üblicherweise Proteine, die unter bestimmten Bedingungen aktiviert werden können und dadurch die Gerinnungskaskade zur Fibrin- und Gerinnselbildung anstoßen. Sie sind die Grundlage der plasmatischen Blutgerinnung, medizinisch als sekundäre Hämostase bezeichnet. Insgesamt sind 13 Gerinnungsfaktoren beschrieben (FI bis FXIII), wobei die Nummerierung nicht mit der Reihenfolge der Aktivierung identisch ist.

T-Zellen: Sie gehören zur Zellgruppe der Lymphozyten. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der  menschlichen Immunabwehr. Die Abkürzung „T“ steht für Thymus, wo die Ausdifferenzierung dieser Immunzellen stattfindet. T-Zellen erkennen körperfremde Strukturen (Antigen) über einen spezifischen Rezeptor, den sogenannten T-Zell-Rezeptor (TCR). Dafür muss das Antigen allerdings von einer Antigen-präsentierenden Zelle (APC) angeboten werden.

Dendritische Zellen: Ihr Name stammt von ihren charakteristischen bäumchenartigen Zellfortsätzen, die jedoch nichts mit den Dendriten der Nervenzellen zu tun haben. Dendritische Zellen sind antigenpräsentierende Zellen (APC), die durch eine hohe Konzentration spezifischer Moleküle (MHC-Klasse-II) und co-stimulatorischer Komponenten auf ihrer Zelloberfläche besonders zur T-Zell-Aktivierung befähigt sind. Nach dem Kontakt mit einem Fremdkörper verlassen die dendritischen Zellen das von ihnen überwachte Gewebe und wandern in den nächsten Lymphknoten. Dort treten sie mit T-Zellen in Kontakt und induzieren eine spezifische Immunantwort gegenüber dem von ihnen präsentierten Antigen.

Triatoma infestanz: Gehört zur Familie der Raubwanzen (Reduviidae). Triatoma ist hauptsächlich in Südamerika verbreitet und saugt, wie alle Arten der Unterfamilie Triatominae, das Blut von Säugetieren und Vögeln und befällt auch Menschen. Triatoma ist der Überträger des einzelligen Parasiten Trypanosoma cruzi, dem Verursacher schwerwiegenden Infektionserkrankung.

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

Göbel K. et. al.: Blood coagulation factor XII drives adaptive immunity during neuroinflammation via CD87-mediated modulation of dendritic cells. (Nat Commun. 2016 May 18). http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4873982/ (Englisch) (Stand: 01.08.2016)

Luchtman D.W. et al: IL-17 and related cytokines involved in the pathology and immunotherapy of multiple sclerosis: Current and future developments. (Cytokine Growth Factor Rev. August2014) Volume 25, Issue 4: Pages 403-413. http://www.cgfr.co.uk/article/S1359-6101 (14)00075-6/abstract (Englisch) (Stand: 01.08.2016)

Krupka J. et al.: The Coagulation Factor XIIa Inhibitor rHA-Infestin-4 Improves Outcome after Cerebral Ischemia/Reperfusion Injury in Rats.  (PLoS One. Januar 2016). http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4731395/  (Englisch) (Stand: 01.08.2016)

http://www.spektrum.de/lexikon/biochemie/blutgerinnung/865 (Stand: 01.08.2016)

 

 

 

 

 

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