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Wechselbad der Gefühle

31.08.2018

Menschen mit chronischen Erkrankungen werden oft mit heftigen Emotionen wie Angst, Wut und Trauer konfrontiert. Gemeinsam mit Jonathan Arntz, Psychologischer Psychotherapeut aus Köln, geben wir typischen Reaktionen ein Gesicht und verraten Tipps im Umgang damit.

„Betroffene sollten wissen, dass es verschiedene Phasen der Bewältigung gibt“, erklärt Jonathan Arntz. „Dabei handelt es sich um einen natürlichen Verarbeitungsprozess, für den man sich nicht schämen muss“. Die meisten Menschen durchleben einmal so einen Prozess – manche sogar mehrmals. Auslöser sind zum Beispiel: die Diagnose einer Erkrankung, aber auch der Tod und Verlust eines geliebten Verwandten/Menschen.


Phasen der Krankheitsbewältigung 

Die beschriebenen Etappen sind typische emotionale Reaktionen, aber nicht immer klar voneinander abzugrenzen. Jeder Betroffene braucht seine Zeit zur Verarbeitung. So kann es sein, dass einige ins Stocken geraten, etwas länger in einer Phase verharren. „Das ist nicht schlimm, solange man im gesamten Bearbeitungsprozess trotzdem weiterkommt,“ so Arntz. Wer denkt, dass er professionelle Unterstützung benötigt, sollte sich nicht scheuen, einen Psychologen aufzusuchen. Vor allem dann, wenn das Gefühl besteht, nicht mit Freunden oder der Familie sprechen zu können – ob aus Scham oder dem Wunsch, das Umfeld nicht zu belasten.

 

1. Schockphase:
Die Diagnose MS kann als erste Reaktion einen schockartigen Zustand auslösen. Viele fühlen sich wie vor den Kopf gestoßen und können keinen klaren Gedanken fassen.

Jonathan Arntz: „Betroffene sollten sich jetzt nicht zurückziehen, sondern die Gefühle zulassen und sich einer Vertrauensperson zuwenden. Sich etwas Alltagsstruktur zu bewahren, kann außerdem helfen.“

 

2. Verleugnung:
Wenn Betroffene versuchen, die Diagnose MS zu verdrängen und sich in Ablenkungsstrategien flüchten.

Jonathan Arntz: „Das ist die schwierigste Phase. Hier ist es wichtig, dass Betroffene in gesundem Maß selbstkritisch sind, sich mit dem Auslöser der Emotion beschäftigen und sich nichts vormachen. Man darf die Krankheit zwar verleugnen, aber es sollte ein Bewusstsein darüber existieren, dass das nicht die Realität ist. Wer eine Distanz bewahrt und realistisch bleibt, wird diese Phase überwinden.“

 

3. Wut und Zorn:
Wenn Menschen mit MS es als ungerecht empfinden, dass gerade sie erkrankt sind. Sie hadern mit ihrem Schicksal und sind frustriert.

Jonathan Arntz: „Hier beginnt die eigentliche Verarbeitung. Man ist wütend auf sich selbst oder auf andere. Die überschüssige Energie sollte man rauslassen, wo es möglich ist – ohne dabei jemandem zu schaden. Für viele ist Bewegung und Sport ein gutes Ventil. Der Auslöser für die Wut sollte ergründet werden. Ist ausschließlich die Erkrankung der Auslöser oder gibt es noch weitere Ursachen? Vielen hilft es, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und auszutauschen, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe.“

 

 

4. Verhandeln:
Einige Menschen mit MS versuchen, mit dem Schicksal zu verhandeln, nach dem Motto: „Wenn ich dies oder jenes tue, wird die MS vielleicht weniger schlimm verlaufen.“ Oder aber sie suchen erstmal die Schuld bei sich.

Jonathan Arntz: „In dieser Phase stellen sich Betroffene oft die Frage, ob sie selbst schuld an ihrer Erkrankung sind, und versuchen die Ursachen zu ergründen. Man verhandelt mit sich selbst, das kann auch beängstigend sein. Es kann helfen, sich eine Vertrauensperson zu suchen oder einen Psychologen aufzusuchen. Wichtig ist, sich nicht einzuigeln.“

 

5. Depression:
Die Auseinandersetzung mit der Diagnose und das intensive Durchleben widersprüchlicher Gefühle kann Betroffene bis an die äußerste Grenze ihrer psychischen Belastbarkeit führen.

Jonathan Arntz: „Grundsätzlich trifft dies nicht auf jeden Betroffenen zu. Einige fallen in eine depressive Phase, andere nicht. Auch hier zählt es, sich anderen anzuvertrauen und – insbesondere bei Suizidgedanken – psychologische Hilfe zu suchen.“

 

6. Akzeptanz:
Bei Betroffenen formt sich der Gedanke: „Ich habe MS und werde damit leben.“

Jonathan Arntz: „Diese Phase ist erreicht, wenn Betroffene die Krankheit akzeptieren und ihren Lebensweg trotzdem zuversichtlich weitergehen. Wenn sie darüber sprechen können, sich nicht mehr schämen und sogar nach vorne blicken können, sprich Pläne machen. Das ist ein enormer Schritt, um trotz Einschränkung glücklich sein zu können. Die Krankheit ist zwar ein Bestandteil des Lebens, man lässt aber nicht zu, dass es das Leben ausschließlich bestimmt.“

 

 

Weitere Infos zu den Phasen der Krankheitsbewältigung finden Sie hier:

http://www.ms-life.de/ms-leben/neudiagnose/emotionale-reaktion/

 

 

Jonathan Arntz
Psychologischer Psychotherapeut

Internet: www.psychotherapie-arntz.de

 

 

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