MS News

Wie wichtig ist der „Sehnervtest“?

06.03.2017

Multiple Sklerose kann auch die Sehkraft mindern. Eine frühe Diagnose des Symptoms kann helfen, Ihre Sehkraft langfristig zu erhalten.

Zu Beginn der Erkrankung und auch während des gesamten Krankheitsverlaufs können bei MS Sehnerventzündungen (Neuritis nervi optici) auftreten. Diese kann einseitig oder auch beidseitig auftreten. Die Auswirkungen können unter anderem Einschränkungen der Sehschärfe wie verschwommenes Sehen, Einschränkungen im Blickfeld oder auch Doppelbilder sein. Oftmals können auch Augenbewegungen als schmerzhaft empfunden werden. Falls Sie diese Beschwerden bei sich bemerken, sollten Sie Ihren Neurologen oder Augenarzt aufsuchen. Er kann mithilfe unterschiedlicher Untersuchungsmethoden feststellen, ob es sich um eine Entzündung des Sehnervs handelt.

MS führt dazu, dass das körpereigene Abwehrsystem bestimmte Zellen im Gehirn oder Rückenmark (zentrales Nervensystem) angreift. Zellen, die im Zuge dieser autoimmunen Entzündungsreaktion (Entzündungsreaktion, die sich gegen den eigenen Körper richtet) angegriffen werden, sind in erster Linie Oligodendrozyten. Sie gehören zu den Stützzellen im Gehirn und bilden die sogenannten Myelinscheiden. Wie die Isolierung eines elektrischen Kabels umgeben Myelinscheiden die Ausläufer von Nervenzellen. Durch diese „Isolierung“ können die Nervenzellen ihre Signale sehr schnell weitergeben. Eine Schädigung des Myelins führt meist zu einer Verlangsamung dieser Übertragungsgeschwindigkeit oder dazu, dass die Signale abgeschwächt oder überhaupt nicht mehr weitergeleitet werden. Das Resultat sind die typischen Symptome der MS wie Gefühlsstörungen, Störungen des Bewegungsablaufs und vieles mehr. Auch die Augen und die optischen Nerven gehören zum zentralen Nervensystem. Wie die meisten anderen Nervenzellausläufer sind auch die des Auges von Myelin umgeben. Dies sorgt für eine schnelle Reizweiterleitung der visuellen Eindrücke zum Gehirn, wo das entsprechende Bild der Umgebung entsteht.

Greift das körpereigene Abwehrsystem die Sehnerven an, kann dies zu unterschiedlichen Einschränkungen des Sehens führen, da die Sinneseindrücke zeitlich verzögert zwischen den Augen oder abgeschwächt ans Gehirn weitergegeben werden. In der Folge können Doppelbilder oder beispielsweise unscharfes Sehen auftreten. Um die Funktionalität der Sehnerven zu testen, eignet sich die Untersuchung der Nervenleitfähigkeit bzw. der Leitungsgeschwindigkeit. Der Mediziner verwendet hierzu die Technik des VEPs (siehe Faktenbox). Dabei werden die Nervenzellen der Augen durch entsprechende Signale angeregt und die im Gehirn ankommenden Signale gemessen.

Um die Augen anzuregen, wird dem Patienten auf einem Bildschirm ein Schachbrettmuster aus schwarzen und weißen Flächen gezeigt. In der Mitte dieses Musters befindet sich ein roter Punkt, den der Patient fixieren soll. Während sich der Patient auf diesen Fixpunkt konzentriert, wechseln die Farben der Flächen des Schachbrettes sehr schnell abwechselnd zwischen weiß und schwarz. Dieser optische Reiz löst eine Signalweiterleitung über den optischen Nerv aus. Gemessen wird die Gehirnaktivität über Elektroden, die dem Patienten auf dem Kopf angebracht werden. Die Untersuchung ist für den Patienten vollkommen schmerzfrei. Unter gesunden Bedingungen beträgt die Leitungsgeschwindigkeit entlang des Sehnervs wenige Millisekunden, also die Zeit, die vergeht vom Auslösen des optischen Reizes bis zur messbaren Aktivität auf dem Kopf (Latenzzeit). Ist diese Zeit verlängert (Latenzverzögerung), ist dies ein erster Hinweis, dass möglicherweise eine Sehnerventzündung vorliegt. Ebenfalls kann die Stärke der auf dem Kopf messbaren Signale variieren, die durch die optische Reizung ausgelöst wird, was zusätzlich ein Indiz für eine Sehnerventzündung sein kann. Um eine Sehnerventzündung abschließend zu diagnostizieren, kann der Neurologe unter anderem eine Magnet-Resonanz-Tomographie (siehe Faktenbox) veranlassen.

Wie wird eine Sehnerventzündung behandelt?

In vielen Fällen heilt eine Sehnerventzündung nach einigen Wochen von selbst aus. Bei einer schweren Entzündung kann Ihr Neurologe oder Augenarzt diesen Heilungsprozess durch Gabe hochdosierten Cortisons beschleunigen. In jedem Fall sollten Sie Ihren Arzt zu Rate ziehen, um dauerhafte Einbußen Ihrer Sehkraft zu vermeiden.


Faktenbox:

Die Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT), auch Kernspintomographie oder kurz Kernspin genannt, ist ein bildgebendes Verfahren zur Untersuchung des menschlichen Körpers. Das Verfahren beruht darauf, dass sich Atomkerne in einem magnetischen Feld ausrichten. Das Verfahren gilt als nicht invasiv und hat somit im Gegensatz zu Röntgenuntersuchungen keine schädlichen Auswirkungen auf den Körper. MRTs finden in der Diagnose der MS Anwendung und können zur Überwachung des Therapieerfolgs durch den behandelnden Neurologen angeordnet werden. Durch ein MRT können Entzündungen und sonstige Veränderungen im Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden.

Unter einem VEP versteht man visiual evoked potentials, also visuell hervorgerufene Potenziale. Damit sind die vom Gehirn abgeleiteten elektrischen Potenziale gemeint, die sich durch den Eingang eines optischen Reizes ergeben. In der Klinik muss der Patient für gewöhnlich einen Punkt oder ein Kreuz in der Mitte eines Schachbrettmusters auf einem Monitor betrachten. Die visuelle Reizung erfolgt durch das Schachbrettmuster, bei dem die Kontraste in kurzen Abständen umgekehrt werden. Über auf dem Kopf angebrachte Elektroden werden dann die im Gehirn ankommenden Signale aufgezeichnet. Aufgrund des vom Kopf abgeleiteten Signalmusters kann der behandelnde Arzt Rückschlüsse auf eine mögliche Beeinträchtigung des Sehnervs ziehen. Die Untersuchung ist für den Patienten völlig schmerzfrei. Weitere Informationen zur klinischen Durchführung finden Sie beispielsweise auf der Internetseite des Münchner Uni-Klinikums (LMU).

 

 

Referenzen und weiterführende Informationen:

https://www.aerzteblatt.de/pdf/112/37/m616.pdf?ts=03.09.2015+10%3A22%3A52 (Zugriff: 30.11.2016)

http://www.ms-life.de/ms-service/ms-news/detail/article/ms-symptome-schau-mir-in-die-augen/  (Zugriff: 30.11.2016)

http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Klinik-und-Poliklinik-fuer-Neurologie/de/Patienteninformation/Krankheitsbilder__Untersuchungen__Therapien/apparativediagnostik/VEP.html (Zugriff: 15.02.2017)

 

 

 

 

ALL-GER-0691