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Zusammenhang zwischen Diagnose chronischer Erkrankungen und Depression

21.05.2015

Schätzungen zufolge leiden etwa 10 Millionen Deutsche bis zum 65. Lebensjahr mindestens einmal an einer depressiven Episode oder wiederkehrenden depressiven Störungen. Damit zählen Depression und depressive Episoden zur dritthäufigsten Erkrankung der Bevölkerung. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Ein kausaler Zusammenhang zwischen einer chronischen Primärerkrankung, wie beispielsweise Angststörungen, Herz‐Kreislauf‐Erkrankungen oder Demenz und der Entstehung einer depressiven Phase wurde bereits wissenschaftlich untersucht und belegt. Auch in Bezug auf andere Erkrankungen wie Diabetes und Krebs wird ein Zusammenhang vermutet.

Forscher haben nun gezielt die Häufigkeit des Auftretens einer depressiven Phase oder Depression im Kontext von neurologischen Erkrankungen, u. a. Multipler Sklerose (MS), untersucht. Dabei wurde der Krankheitsverlauf von mehr als 42.000 Patienten, die eine Diagnose von M. Alzheimer, Demenz, Epilepsie, MS und M. Parkinson aufweisen, in die Studie eingeschlossen. Die in der Studie berücksichtigten Patienten wurden über 5 Jahre nach Diagnosestellung der Primärerkrankung bezüglich des Auftretens einer Depression beobachtet.

Als Ergebnis konnten die Wissenschaftler aufzeigen, dass die Diagnosestellung aller untersuchten chronischen Erkrankungen das Risiko der Entwicklung einer Depression erhöht. Die Gruppe der untersuchten MS‐Patienten stellte dabei mit 5.137 Teilnehmern die kleinste untersuchte Patientengruppe dar. Bei Patienten mit Multipler Sklerose kam es bei insgesamt 35 % der Patienten in den ersten 5 Jahren nach Diagnosestellung der MS zur Entwicklung einer Depression. Im zeitlichen Verlauf konnte gezeigt werden, dass sich eine Depression in ungefähr 50 % der Fälle im ersten Jahr nach Diagnosestellung der Primärerkrankung herausbildet, während sich die restlichen 50 % gleichmäßig auf die Jahre 2 bis 5 nach Diagnosestellung verteilten. Mit Ausnahme der Epilepsie fiel bei allen Grunderkrankungen auf, dass das Risiko einer Depression bei den unter 60‐jährigen Patienten im Vergleich zu den über 60‐jährigen Patienten erhöht ist.

Die Studienautoren empfehlen, bei Patienten mit chronischen neurologischen Erkrankungen auf Anzeichen einer Depression zu achten. Außer dem Gespräch mit dem Arzt stehen hier zahlreiche Testverfahren zur Verfügung. Andere Ursachen für Anzeichen einer Depression, z. B. Schilddrüsenfunktionsstörungen, sollten ärztlich ausgeschlossen werden. Zur Behandlung stehen bei schweren Depressionen Medikamente zur Verfügung. Insbesondere intensive Gespräche mit psychotherapeutisch geschulten oder empathischen außenstehenden Personen zeigen hier gute Ansatzpunkte.

Diese Ergebnisse bestätigen die Annahme, dass die Diagnose einer chronischen Erkrankung, insbesondere für mitten im Berufs‐ und Familienleben stehende Menschen, eine starke psychische Belastung darstellen kann. Dies kann zu einem erhöhten Risiko der Entstehung einer Depression nach Diagnosestellung führen, bis die Diagnose sowie deren persönliche Folgen erst einmal verarbeitet sind.

Hilfreich zur Diagnosebewältigung können hier die familiäre Unterstützung und ausführliche Informationen zu der Erkrankung sein. Um seine eigenen Befürchtungen zu objektivieren und die Bedeutung einer chronischen Erkrankung für das eigene Leben zu relativieren, kann ein persönliches Gespräch mit einem neutralen und speziell geschulten Coach hilfreich sein. Einfach mal Dampf ablassen oder die gemeinsame Suche nach persönlichen Zielen und Möglichkeiten eventuelle Folgen der Erkrankung zu minimieren kann helfen, die eigene Motivation wieder zu finden, ohne die unmittelbare Umgebung zu belasten.

Thielscher C, Thielscher S, Kostev K ‐ The risk of developing depression when suffering from neurological diseases ("Wie hoch ist das Risiko, im Gefolge einer neurologischen Erkrankung eine Depression zu entwickeln?"): GMS German Medical Science 2013, Vol. 11, S. 1‐7

 

 

 

 

 

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