Behandlung
MS-Präparate haben unterschiedliche Immunogenität
In der MS-Therapie setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Neutralisierende Antikörper den Therapieerfolg beeinträchtigen. Dabei gibt es jedoch Unterschiede zwischen den erhältlichen Medikamenten.
Die Immunogenität einer Substanz beschreibt das Ausmaß, mit dem das Immunsystem auf ihr Eindringen in den Körper reagiert. Sie unterscheidet sich bei den drei, in der MS-Therapie üblichen Interferon-beta-Präparaten und gefährdet vermutlich deren Behandlungserfolg. Denn die gebildeten Antikörper können die Wirksamkeit der Substanzen beeinträchtigen.
Neurologen gehen zunehmend davon aus, dass das Auftreten von Neutralisierenden Antikörpern (NAbs) ein bislang unterschätztes Problem in der MS-Therapie darstellt, weil die unerwünschte Reaktion des Immunsystems auf die Interferon-beta-Präparate vermutlich deren Wirksamkeit beeinträchtigt. Aus diesem Grund haben europäische Experten die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem neuen Phänomen zusammengetragen und 2005 in einer Leitlinie zu Neutralisierenden Antikörpern zusammengefasst.
Immunogenität unterscheidet sich
Nach Angaben der Arbeitsgruppe der European Federation of Neurological Societies (EFNS) belegen bisherige Studien große Unterschiede zwischen den drei Interferon-beta-Präparaten. Der Anteil der Patienten mit schubförmig remittierender oder sekundär progredienter MS, der in Studien während einer Interferon-beta-Therapie Neutralisierende Antikörper entwickelte, reichte von 3,3 Prozent bei Interferon beta-1a (intramuskulär) bis hin zu 42 Prozent bei Interferon beta-1b (subkutan). Die Autoren kommen daher übereinstimmend zu dem Schluss, dass Interferon beta-1a (intramuskulär) das geringste Risiko der Entstehung unerwünschter Neutralisierender Antikörper aufweist.
Herstellungsprozess hat einen Einfluss
Wie sie erläutern, spielt bei der Immunogenität die Struktur der Substanzen eine wichtige Rolle: Bei Interferon beta handelt es sich um eine körpereigene Substanz und je ähnlicher das biotechnologisch hergestellte Medikament dem natürlich vorkommenden Interferon beta ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es die Bildung von Antikörpern provoziert.
Die Struktur der Präparate hängt wiederum von der Art der Herstellung ab: Während Interferon beta-1b von Bakterien (E. coli) produziert wird, stammt Interferon beta-1a aus Säugetierzellen und ähnelt daher stärker dem natürlichen Interferon beta des Menschen. So unterscheidet sich Interferon beta-1b beispielsweise in der Zusammensetzung der Aminosäurebausteine, zudem fehlen die bei Menschen typischen Zuckerreste. Des Weiteren scheinen sich die Moleküle zu größeren Aggregaten zusammenzulagern, was die Immunogenität erhöhen könnte.
Häufigkeit der Injektionen scheint auch wichtig zu sein
Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass eine häufigere Anwendung der Interferon-beta-Präparate das Auftreten Neutralisierender Antikörper fördern könnte. So wird Interferon beta-1b beispielsweise jeden zweiten Tag subkutan injiziert. Bei den beiden Interferon-beta-1a-Präparaten erfolgen die Injektionen hingegen entweder dreimal wöchentlich unter die Haut (subkutan) bzw. nur einmal pro Woche in den Muskel (intramuskulär). Der Einfluss der Dosierung ist bisher nicht abschließend geklärt, und der Ort der Injektionen scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen.
Quelle: Sorensen PS, et al. Guidelines on use of anti-IFN-beta antibody measurements in multiple sclerosis: report of an EFNS Task Force on IFN-beta antibodies in multiple sclerosis. Eur J Neurol. 2005;12(11):817-27.





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