Enzymtherapie
Enzymtherapie bei MS
Bei der Enzymtherapie handelt sich um eine in den 30-40er Jahren entwickelte, alternative Behandlungsmethode, die bei zahlreichen Indikationen als begleitende Therapiemaßnahme eingesetzt wird. Dazu zählen u.a. chronische Gelenkerkrankungen wie die rheumtoide Arthritis oder die Multiple Sklerose. Wie der Name schon sagt, werden bei dieser Therapie Enzyme zu Behandlungszwecken eingesetzt.
Enzyme sind Proteine, die z.B. den Metabolismus (Stoffwechsel) im Körper steuern und unterstützen. Einige Enzyme haben die Aufgabe, andere Proteine zu spalten und abzubauen. Sie kommen z.B. im Darm vor und beteiligen sich dort an der Nahrungsverdauung oder sind in Pflanzen bei der Abwehr von Mikroorganismen einbezogen. Solche Spaltungsenzyme werden in der Enzymtherapie verwendet.
Die Immunreaktion allgemein
Einige Krankheiten, die mit Hilfe einer Enzymtherapie behandelt werden, haben eine Gemeinsamkeit:
Sie werden durch so genannte Immunkomplexe beeinflusst bzw. ausgelöst. Immunkomplexe sind Ansammlungen von Antikörpern, d.h. Proteinen des Immunsystems, und Antigenen, welche körpereigene oder auch körperfremde Proteine darstellen. Antigene werden von Antikörpern neutralisiert. Antikörper haben in der Regel ihr Antigen, das sie erkennen und unschädlich machen. So funktioniert auch beim gesunden Menschen, sehr vereinfacht dargestellt, ein Teil der Abwehrmechanismen gegen körperfremde Eindringlinge, beispielsweise einem Krankheitserreger.
Bei einer Abwehrreaktion also erkennen Antikörper Antigene und binden diese, um sie für den Organismus unschädlich und für Fresszellen erkenntlich zu machen. Dabei koppeln sich mehrere Antikörper an die Antigene und umgekehrt hängen mehrere Antigene an einem Antikörper. Dadurch entstehen netz- oder klumpenartige Strukturen aus Antigenen und Antikörpern: Immunkomplexe. Sie werden nach und nach von den Fresszellen aufgelöst. Auch dies ist eine normale Reaktion des Abwehrsystems.
MS und rheumatoide Arthritis
Bei der rheumatoiden Arthritis (RA) und der Multiplen Sklerose (MS) sind unter anderem solche Immunkomplexe am Krankheitsgeschehen beteiligt. Hier richten sich die Antikörper fälschlicherweise gegen körpereigene Antigene. Beide Krankheiten zu dem Kreis der so genannten Autoimmunerkrankungen. Die MS ist multifaktoriell bedingt, d.h. es bestehen viele verschiedene Krankheitsursachen, die bisher noch nicht alle ausreichend identifiziert wurden. Daher ist auch die Rolle der Immunkomplexe bei der MS noch nicht genau bekannt.
Das Problem der Immunkomplexerkrankungen liegt darin, dass die Proteinkomplexe nicht schnell genug abgebaut werden. Sie reichern sich im Gewebe an und schädigen es auf diesem Wege.
Was passiert bei der Enzymtherapie?
An diesem Punkt, der Anreicherung der Immunkomplexe durch zu langsamen Abbau im Gewebe, setzt die Theorie der Enzymtherapie an. Mit Hilfe von Spaltungsenzymen wie Trypsin, Pankreatin, Chymotrypsin, Papain und Bromelain sollen die entzündungsfördernden Immunkomplexe aufgelöst bzw. unschädlich gemacht und Entzündungsprozesse, die das betroffene Gewebe schädigen, vermieden werden.
Zusätzlich sollen durch die eingesetzten Enzyme Entzündungsmediatoren und Oberflächenproteine auf den Immunzellen, die am Krankheitsgeschehen beteiligt sind, zerstört werden.
Der Ansatz klingt einleuchtend. Aber: Bis heute ist die Enzymtherapie bei der MS wissenschaftlich sehr umstritten. Die experimentellen Daten für eingesetzte Kombinationspräparate aus verschiedenen Spaltungsenzymen sind uneinheitlich und sprechen nicht für einen klinischen Effekt der Enzymtherapie", so die DMSG. Eine Studie mit 280 Patienten zeigte in den klinischen Bewertungsmaßstäben keinen eindeutigen Unterschied zwischen Kontrollgruppen und therapierten Patienten. Bei der MS-Modellerkrankung (EAE), die bei Mäusen im Rahmen der MS-Forschung provoziert wird, konnte zwar ein positiver Effekt der Enzymgabe beobachtet werden, aber: Dieses Ergebnis kann nicht ohne entsprechend weiterführende Untersuchungen einfach auf den menschlichen Organismus übertragen werden.
Die Enzymtherapie konnte allerdings bei Rheumaerkrankungen einige Erfolge verbuchen. Ein Vorteil der Enzympräparate im Vergleich zu anderen entzündungshemmenden Therapeutika liegt für Rheumapatienten in der relativ guten Verträglichkeit. Allerdings trifft dies auch nicht auf alle Patientengruppen zu. Nach der Behandlung von MS-Patienen mit Enzympräparaten wurden einzelne Fälle von starken Blutgerinnungsstörungen bekannt. Spaltungsenzyme wirken auch auf diese Proteine, die die Blutgerinnung mit steuern. An diesem Beispiel wird deutlich, dass sie keinen bestimmten Angriffspunkt haben, sondern recht breit greifen und so auch unerwünschte Wirkungen auslösen. Mindestens zwei Patienten erlitten wenn auch nicht eindeutig gegen die Enzyme gerichtet einen schweren allergischen Kreislaufschock auf die Tabletten.
Die DMSG befindet die Enzymtherapie bei MS als nicht zu empfehlende Zusatztherapie.
Literatur
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