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Schubtherapie




Therapie des Schubes

Infusionsflaschen

Die akuten Schübe der Multiplen Sklerose werden heute überwiegend mit künstlich hergestellten Kortisonpräparaten, so genannten Kortikosteroiden oder Kortikoiden, behandelt. Eine derartige Therapie kann die Schübe verkürzen und die Beschwerden mildern. Ob sie darüber hinaus einen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Erkrankung hat, ist ungeklärt.

Wie wirken Kortikoide?

Kortikoide sind chemisch verwandt mit Kortison, einem natürlich vorkommenden Hormon, das vielfältige Effekte auf das Immunsystem hat. Die Produktion findet im menschlichen Körper in den Nebennieren statt und steht unter der Kontrolle des Hormons ACTH (adrenocorticotropes Hormon), das in der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) gebildet wird. Erste Studien zur Therapie des MS-Schubes überprüften zunächst den Einsatz von ACTH. Sie zeigten zwar einen positiven Effekt auf die Dauer der Schübe, doch nachdem weitere Studien die Wirksamkeit der künstlich hergestellten Kortikoide belegten, wurde das ACTH als Standardbehandlung abgelöst, weil sich die Kortikoid-Therapie als verlässlicher und besser verträglich erwies.

Das Kortikoid führt zunächst dazu, dass die Blut-Hirn-Schranke ihre Funktion wieder besser aufnehmen kann, sodass weniger Entzündungszellen und -stoffe vom Blut in das zentrale Nervensystem (ZNS) übertreten können. Darüber hinaus hemmt es die Produktion von spezifischen Entzündungs- und Botenstoffen durch die körpereigenen Immunzellen. Durch diese und weitere Effekte auf das Immun- und Gefäßsystem werden Entzündungsreaktionen im ZNS, aber auch im übrigen Körper eingedämmt.

Therapie bei Einschränkung der Lebensqualität beginnen

Bei welchem Patienten tatsächlich eine Therapie sinnvoll ist, muss individuell im Gespräch mit einem Arzt entschieden werden, der sich mit der Erkrankung auskennt, in der Regel der Neurologe. Die Multiple Sklerose-Therapie-Konsensus-Gruppe (MSTKG) vertritt die Ansicht, eine frühe Therapie sollte immer dann erfolgen, wenn die Lebensqualität des Patienten eingeschränkt wird. Da dieser Begriff viele Bereiche des täglichen Lebens umfasst, angefangen von der körperlichen Gesundheit, über die Mobilität und psychische Verfassung, bis hin zur Arbeitsfähigkeit. Da solche Einschränkungen individuell sehr unterschiedlich empfunden werden, muss jeder Patient mit Hilfe seines Arztes abwägen, ob bei einer Therapie vermutlich Vor- oder Nachteile überwiegen werden. Insbesondere bei leichteren, rein sensiblen Ausfällen, wie Gefühlsstörungen, streiten sich die Experten noch, ob die Gabe von Kortikoiden sinnvoll ist.

Wie sieht die Standardtherapie aus?

Inzwischen gibt es mehrere Studien, in denen Kortikoide mit so genannten Plazebopräparaten bei Patienten mit Multipler Sklerose verglichen wurden. Das sind Präparate, die zwar genauso aussehen und genauso verabreicht werden wie die zu untersuchenden Medikamente, nicht aber die medikamentös wirksamen Bestandteile enthalten. Es konnte der positive Einfluss des künstlichen Hormons auf die Heftigkeit und die Dauer der MS-Schübe belegt werden. Da die Kortikoide in diesen Untersuchungen nach sehr unterschiedlichen Schemata verabreicht wurden, besteht allerdings noch keine Einigkeit über die optimale Art und Länge der Dosierung.

Weil die gewünschte Wirkung des Kortikoids in den Studien von der Dosis abhängig war und die unerwünschten Nebenwirkungen sowohl mit der Dosis als auch mit der Dauer der Behandlung zunehmen können, hat sich eine hochdosierte Kurzzeittherapie durchgesetzt. Als Kortikoide stehen in Deutschland verschiedene Präparate zur Verfügung. Zu ihnen zählen unter anderen: Methylprednisolon, Prednison, Prednisolon, Fluocortolon, Triamcinolon, Cloprednol, Betamethason und Dexamethason.

Die MSTKG empfiehlt, über einen Zeitraum von drei bis fünf Tagen 1000 mg (ein Gramm) Methylprednisolon als Kurzinfusion zu geben. Die Infusion erfolgt am besten morgens, damit in die Regulationssysteme der körpereigenen Kortisolproduktion möglichst wenig eingegriffen wird. Die ersten Infusionen erfolgen nicht selten aus Sicherheitsgründen stationär erfolgen. So kann beispielsweise der Blutzucker unter der Kortisonwirkung stark ansteigen. Bei guter Verträglichkeit können die weiteren ambulant durchgeführt werden. Nach einer kürzlich erschienenen Studie gilt darüber hinaus inzwischen die Hochdosistherapie mit Tabletten als Alternative, wenn eine intravenöse Therapie nicht möglich ist: Hier werden über einen Zeitraum von fünf Tagen einmal täglich 500 Milligramm Methylprednisolon eingenommen. Manchmal wird im Anschluss an die eigentliche Stoßtherapie das Kortisonpräparat "ausgeschlichen", d.h. das Präparat wird weiter eingenommen, jedoch in abnehmender Dosierung. Bilden sich die Symptome nicht ausreichend zurück, kann eine zweite Schubtherapie, möglicherweise mit einer erhöhten Dosis von bis zu fünf Mal 2000 mg, sinnvoll sein. Erhält der Patienten bereits eine immunmodulatorische Basistherapie, sollte sie nicht wegen der Schubtherapie unterbrochen werden.

Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten?

Die von vielen Menschen gefürchteten Nebenwirkungen einer Kortison- bzw. Kortikoid-Therapie treten in der Regel nur auf, wenn das Hormon über einen längeren Zeitraum eingenommen wird. Kommt es – wie bei der MS-Schubtherapie – nur kurzfristig zum Einsatz, ist die Verträglichkeit meistens gut. Als Akutnebenwirkungen kann es zu Schlaflosigkeit, Unruhe, Hautrötungen, Verschwommensehen, Magenschleimhautentzündungen sowie sehr selten zu Krämpfen, Psychosen oder Thrombosen kommen. Bis zu vier hochdosierte Stoßtherapien pro Jahr gelten als nebenwirkungsarm und sicher.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sollten eingehalten werden?

Vor jeder Schub-Behandlung mit Kortikoiden sollte der Arzt eine virale oder bakterielle Infektion ausschließen, denn nicht nur die unerwünschten Entzündungsreaktionen werden unterdrückt sondern auch die zur Infektabwehr nötigen Entzündungen. Begleitend zur Therapie wird die Gabe von Kaliumpräparaten empfohlen. Um das Risiko für Magengeschwüre zu senken, sollte darüber hinaus beginnend mit dem Kortikoid auch ein Magenschutz, beispielsweise mit einem H2-Blocker vorbeugend behandelt werden. H2-Blocker unterdrücken die Bildung der Magensäure. Gibt es den Verdacht, dass bereits ein Magengeschwür vorliegt, muss zuvor eine Gastroskopie (Magenspiegelung) durchgeführt werden. Besteht ein bekannt erhöhtes Thromboserisiko, sollte der Patient zusätzlich ein Heparin zur „Blutverdünnung" erhalten. Blutwerte, wie Blutdruck, -zucker und -elektrolyte sollte der Arzt überwachen. Bei Glaukom-Patienten ist weiterhin eine Kontrolle des Augeninnendrucks sinnvoll. Außerdem sollte der Arzt natürlich auf Nebenwirkungen achten und diese nach Möglichkeit behandeln. Sie bilden sich in Regel nach dem Ende der Therapie wieder zurück.

Was tun bei schweren Schüben?

Bei schweren Schüben, die nicht auf Kortison ansprechen, kann nach neuesten Studien laut MSTKG eventuell die Plasmapherese im Sinne einer „eskalierten Schubtherapie" zum Einsatz kommen. Hierbei werden aus dem Blutplasma des Patienten wichtige Bestandteile des Immunsystems entfernt. Die Methode ist allerdings mit einem erhöhten Risiko für Infektionen und Gerinnungsstörungen verbunden.



Bitte beachten Sie, dass für die Angaben zu Medikamenten und Dosierungen keine Gewähr übernommen wird. Für konkrete, individuelle Therapieempfehlungen sprechen Sie am besten mit einem Arzt, der Erfahrungen in der Behandlung von MS-Patienten hat.



BSMO Redaktion




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